hirnforschung Vergessen? Vergiss es!Seite 3/3
Inzwischen gibt es für traumatisches Vergessen eine medizinische Erklärung: Der extreme Stress bei traumatischen Erlebnissen führt zu verstärkter Ausschüttung des Stresshormons Cortisol im Gehirn. Cortisol verbindet sich mit Rezeptoren im Hippocampus. Ist die Emotion zu stark, werden die Rezeptoren mit Cortisol überschwemmt. Als Folge davon kann der Hippocampus die traumatische Erfahrung nicht mehr zu einem einheitlichen Ganzen ordnen. Es kommt zu dem beim Trauma häufig auftretenden Durcheinander von überdeutlichen Details und Erinnerungsfetzen, die sich auf vergessene Ereignisse beziehen.
Das Wissen um diese chemischen Abläufe wollen Neurologen jetzt sogar nutzen, um die Hirnprozesse durch entsprechende Medikamente oder mechanische Reize von außen zu beeinflussen. Denn ließe sich das Vergessen kontrollieren, könnten damit vielleicht traumatische Ereignisse aus der Erinnerung getilgt werden. Erste Experimente an Mäusen und Ratten in den USA und am israelischen Weizmann-Institut laufen bereits. Bis man allerdings in ferner Zukunft die „Gnade des Vergessens“ per Pille verabreichen kann, wird noch einige Zeit ins Land gehen.
Doch kann man vielleicht die Kunst des Vergessens mit einem entsprechenden Hirntraining einüben? Auch dafür gibt es noch kein Patentrezept. Damit Menschen die Fähigkeit zum absichtlichen Vergessen mit Erfolg einsetzen können, so hat die Forschung in den vergangenen zehn Jahren gezeigt, müssen sie innerlich überzeugt sein, dass die entsprechenden Informationen irrelevant sind. Absichtlich etwa den Namen seines Ehepartners zu vergessen, wird dagegen kaum funktionieren – auch wenn man sich noch so bemüht.
Zudem konnte die Vergessensforschung zeigen, dass die Fähigkeit zum directed forgetting nicht in allen Lebensaltern gleich präsent ist. Sie beginnt, so nahm man bisher an, etwa mit dem zehnten Lebensjahr, entwickelt sich im Erwachsenenalter und scheint im Alter wieder abzunehmen. Allerdings sind solche Feststellungen bislang erst zum Kurzzeitgedächtnis zu machen. Das eingangs geschilderte Experiment des Göttingers Jörg Behrendt konnte zeigen, dass die Fähigkeit zum absichtlichen Vergessen im Alter verloren geht. Und sein Doktorvater Hasselhorn wies mittlerweile nach, dass Kinder sehr viel früher als bislang angenommen, nämlich schon mit sechs oder sieben, absichtlich vergessen können.
Um dies zu beweisen, wurde in Göttingen eine Art Kaufladenspiel für die Testpersonen entwickelt. Da werden Warenlisten mit all den Dingen zusammengestellt, die in den Laden hineingehören und die beim Großhandel geordert werden müssen. Doch plötzlich wird überraschend das Sortiment des Ladens geändert – die kleinen Verkäufer können daher eine ganze Warenliste im wahren Wortsinn vergessen. An diesem Punkt des Prozederes glauben die Kinder gern, dass sie sich die restlichen Waren viel besser merken können, wenn sie die unwichtigen „ganz fest vergessen“ – es gelingt ihnen meisterhaft.
Was aber folgt aus solchen Versuchen? Lernen Kinder effizienter, wenn sie auch vergessen können? Sollen Alte beizeiten das Vergessen üben? Selbst ein präziser Empiriker wie Hasselhorn wird da reichlich vage. Die Konsequenzen für unser alltägliches Leben sowie für die Entwicklung im Kindes- und hohen Erwachsenenalter seien „weit offener“ als bisher angenommen. Doch über eines sind sich die Vergessensforscher in Göttingen und anderswo einig: Ein gutes Gedächtnis ist immer auch ein schlechtes Gedächtnis.
- Datum 25.09.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.09.2003 Nr.40
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






