Niederösterreich

Kein Steilhang weit und breit. Sie leben ungefährlich, die Weinbauern im niederösterreichischen Weinviertel. Im größten und doch am wenigsten bekannten Weinbaugebiet des Landes ist alles sanft geschwungen, Hügelland, weich und wellig, Hebungen und Senkungen leichthin ineinander verwoben. Selbst den Wein entdeckt man nicht gleich: Getreide, Kartoffeln und Kürbisse wachsen auf den Feldern, man muss weit hineinfahren bis fast an die Grenze zu Tschechien, um auf die lang gezogene Rebreihen mit Grünem Veltliner, Zweigelt, Cabernet Sauvignon und Blauem Portugieser zu stoßen.

In den Straßendörfern ist auf den Hauptstraßen selten ein Mensch zu sehen. Die Geheimnisse und die Schönheit dieses alten Weinlands erschließen sich nicht auf den ersten Blick. Wer schon ein wenig Bescheid weiß, folgt den Hinweisschildern zur Kellertrift oder Kellergasse und entdeckt nach kurzer Fahrt das Dorf hinter dem Dorf, wo es im labyrinthischen Untergrund der Presshäuser gärt – das Dorf ohne Rauchfang, wie es heißt. Hier wohnt der Wein. Und hier ermittelt Gendarmerieinspektor Simon Polt, ein behäbig-nachdenklicher Freund der örtlichen Weinsorten und der Gerechtigkeit, die Romanfigur des Schriftstellers Alfred Komarek.

Eine Mordsgegend. Im ersten Satz des ersten Polt-Romans liegt schon der erste Tote im Keller eines Presshauses, hingestreckt von Kohlendioxid, von Gärgas. Zwei Kellernachbarn standen stumm und hölzern neben ihm, und eine Dunstwinde blies surrend durch einen dicken Schlauch die angesaugte Kellerluft ins Freie .

Die längste Kellergasse liegt in Hadres, im Pulkautal. Über anderthalb Kilometer ziehen sich Hunderte schlichter Lehmhäuser, weiß gestrichen und mit einfachem Holzdach, auf beiden Seiten eines alten Hohlwegs den leicht ansteigenden Hang hinauf. In der Mittagsstille erinnert die Kellergasse an Kreuzwege oder andere Straßen, die zu heiligen Stätten führen.

Ihre Existenz verdanken die bis zu 250 Jahre alten Presshäuser allerdings keiner rituellen, sondern der ganz praktischen Notwendigkeit kurzer Wege. Hier werden die Trauben aus den nahen Weingärten verarbeitet, und in den Kellern, die bis in dreißig Meter Tiefe unter der Oberfläche in den Lössboden hineingegraben sind, gelagert. Gastfreundschaft wird in der Kellergasse groß geschrieben. Mindestens ein Presshaus ist am Wochenende geöffnet. Vorbeikommenden wird die Tageszeit und der Standardgruß geboten: „Trink mer was?“

Wer zum ersten Mal kommt, fühlt sich trotz der freundlichen Aufnahme in eine fremde Welt versetzt. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es Kellergassen wie diese. Doch zum Glück nimmt uns Gendarmerieinspektor Polt in vier Kriminalromanen mit auf Fahndung, erst im Frühling, dann im Sommer, im Herbst und schließlich im bitterkalten Winter – wenn es Zeit ist, den Eiswein zu pressen.