Weinspezial 2003 Eine MordsgegendSeite 4/4

Eine so große Liebe, wie sie Komarek für dieses stille Weinland verspürt, braucht Kapellen, in der sie zelebriert wird. Die Polt-Romane sind durchzogen von geradezu zärtlichen Beschreibungen kleiner und großer, verfallener und traditionsreicher Keller. Topografisch ist diese unterirdische Zweitwelt ausgedehnter als die Dörfer oben, ihre Grenzen sind nicht einmal im Grundbuch festgelegt. Im Roman nimmt sie mythische Züge an, wird zur Männerwelt, die tiefer, größer und ehrlicher ist als die da oben, in der nicht gelogen wird und ein Wort noch etwas gilt. Hier ist es trotz einer konstanten Temperatur zwischen 12 und 15 Grad seelenwarm und still, und jeder kann nach seiner Fasson selig werden.

„Hier sind die Toten nicht weit weg“

Als Kontrast zur Zeitkritik durchzieht ein Hohes Lied auf die freundlich erhellte Welt im Bauch der Erde die Romane. Schweigend tranken die Männer. Allmählich wurden die Gedanken wieder weich und rund, die Zeit trat über die Ufer, und ein feierliches, wunschloses Behagen lag über allem . Fast beschwörend bewahren sie eine Erfahrung von unterirdischer Transzendenz: Polt spürte, wie die Welt um ihn ihre Schwere verlor, wie die Kellergewölbe sich öffneten und nur noch vage Strukturen zwischen Licht und Dunkelheit zeichneten. Hier unten sind die Toten nicht weit weg, dachte er.

Das Beglückende an Komareks Landschaftsverdichtung ist, dass sie den Menschen des Weinviertels das zurückgeben kann, was sie aus ihrer Welt entnommen hat: die Hoffnung auf eine Zukunft, die auf der Vergangenheit ruht. Die Winzer und Winzerfrauen, die in der Wirklichkeit des Pulkautals einen zähen Kampf um die Durchsetzung ihrer (nebenei: immer besser werdenden) Weine, um den Erhalt ihres alten Kulturhandwerks und seine Erneuerung führen, finden in den Krimis um Simon Polt Landmarken ihrer Träume, Bilder einer Welt, in der sie leben möchten und die doch schon vergangen ist. Wer einen guten Platz im Leben sucht – im Keller wird er ihn finden. Das ist Polts Credo. Und hier, in einem der wirklichen Keller in Hadres oder Untermarkersdorf, Alberndorf oder Obritz, treffen sich an glücklichen Abendstunden Literatur und Wirklichkeit beim „Poltwein“. Das ist ein Grüner Veltliner vom Himmelbauer, gekostet von Simon Polt: Der frische Geschmack von Trauben füllte den Mund, berührte leichthin den Gaumen, und kehrte für einen kleinen, verführerischen Abschied wieder. Polt seufzte, streckte behaglich die Beine unter dem Tisch aus, senkte seine Nase und genoss den Duft, der ihn an sonnenheißes Weinlaub erinnerte, an warm leuchtende Herbsttage in der Kellergasse. Das Glas war angenehm kühl in seiner Hand, im strohgelb leuchtenden Wein tanzten hellgrüne Lichter.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 25.09.2003 Nr.40
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