Wo waren Sie, als Kennedy ermordet wurde? Als der erste Mensch den Mond betrat? Als die Mauer fiel? Mitunter fährt die Weltgeschichte in das eigene Leben wie ein Blitz, auch wenn sie sich ganz woanders entladen hat, in fremden Ländern, auf anderen Kontinenten oder im Weltall. Dann ist auch das vermeintlich unscheinbare Eigene grell erleuchtet, es schmilzt auf ewig zusammen mit dem historischen Moment und wird selbst bedeutend. Nach Jahrzehnten weiß man noch genau, mit wem man zusammensaß, welche Musik lief oder wie das Wetter war. Nebensachen, die unter dem Mikroskop der Erinnerung zu Hauptsachen werden. In der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt es nicht viele dieser Daten, doch der 4. Juli 1954 ist eines davon. Damals, an einem verregneten Sonntagnachmittag, gewann die deutsche Fußballnationalmannschaft im Berner Wankdorfstadion das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft. Als das "Wunder von Bern" ging der 3:2-Sieg über die seit Jahren ungeschlagenen Ungarn in das kollektive Gedächtnis der Nation ein. Dort ist es zurzeit so präsent wie selten zuvor. Weil sich der 50. Jahrestag dieses bundesrepublikanischen Mythos nähert. Weil der größte Held jenes Spiels, Helmut Rahn, kürzlich gestorben ist. Weil am 16.Oktober Sönke Wortmanns Film Das Wunder von Bern ins Kino kommt. Christof Siemes, der Kulturreporter der ZEIT, hat das Buch zum Film geschrieben und dafür prominente Zeitzeugen gefragt: Wo waren Sie, als Deutschland zum ersten Mal Weltmeister wurde? Die Antworten wurden in den Roman integriert; wir drucken hier die Originalbeiträge.

...und morgen die ganze Welt

1954 war ich elf Jahre alt und wohnte noch mit beiden Eltern in Essen, in der Kunigundastraße 20. Das alte Haus ist inzwischen längst abgerissen, aber ich sehe noch den Erker des Zimmers, in dem ich schlief und oft lange am Fenster saß, um zu warten, ob draußen etwas passierte. Am 4. Juli 1954 passierte viel.

Gegenüber war die Gaststätte Schulte. Die Ersten betranken sich schon am frühen Morgen. Wetten wurden abgeschlossen. Ich wurde zu Schulte geschickt, um für meinen Vater und meinen Onkel Hans mehrere Flaschen Stauder-Bier zu kaufen ("Ruhrrevier trinkt Stauderbier", so die damalige Werbung). Wer Leute kannte, die einen Fernseher hatten, war glücklich dran. Wir kannten niemanden mit Fernseher. Wir hatten den Loewe-Opta-Radioapparat mit dem grünen Auge in der Küche stehen, und mein Vater und mein Onkel Hans, Mutters Bruder, saßen am Küchentisch, tranken Stauder-Bier ("Kind, hol noch vier Flaschen!") und diskutierten die bisherigen Fußballweltmeister: Uruguay, Italien – alles Stümper. WIR würden es machen, und meine Mutter sagte: "Sonst noch was? IHR habt gerade genug gemacht."

Dazu muss man wissen, dass meine Mutter gerade erfahren hatte, dass mein Vater "ein Krösken zu laufen" hatte, sprich: Er hatte mit einer anderen Dame noch ein Kind. Scheidung stand ins Haus, Drohungen, Geschrei, die Türen knallten. Was meine Mutter an dem Tag machte, weiß ich nicht mehr. Aber mein Vater und Onkel Hans saßen vorm Radio, ich saß am Fenster, und als die "Tooor, Tooor, Tooor, ich werd verrückt!"-Rufe nicht mehr zu überhören waren, sah ich aus allen Häusern Männer strömen: Herrn Metzkowitz und Herrn Josefiak, Herrn Mürl, Herrn Wiedemeier, Herrn Stein, Herrn Stratmann und Herrn Wille – sonst waren sie untereinander total zerstritten über Fragen wie West- oder Ostfront, wer mehr gelitten hatte, ob der Jude nicht letztlich doch selbst schuld war, wie Deutschland aussähe, wenn man den Krieg gewonnen hätte, ob der Führer wohl in Argentinien lebte, sie lagen sich jetzt in den Armen, auch mein Vater rannte nach unten, auf der Straße war Geschrei, Bierflaschen flogen, und mein Onkel Hans, ein sanfter, stiller, leicht behinderter Mensch, der der Vernichtungsmaschinerie der Nazis gerade eben so entkommen war, stand neben mir im Erker, sah sich das Treiben auf der Kunigundastraße an und sagte: "Jetzt denken sie wieder Gott weiß, wer sie sind." Und meine Mutter sagte: "Hört das denn nie auf?"

Die ganze Nacht wurde bei Schulte gesoffen, und gegen Morgen grölten sie das Lied, in dem uns heute Deutschland gehört und morgen die ganze Welt.

Kurze Zeit später zog mein Vater für immer aus, und meine Mutter rief ihm nach: "Du Weltmeister!"

Die Schriftstellerin ELKE HEIDENREICH , geboren 1943, moderiert die ZDF-Literatursendung "Lesen!"