Wäre Deutschland ein Auto, müsste die Karosserie völlig verbeult sein – so häufig wäre das Rot-Grün-Mobil beim Elch-Test bereits gekippt. Wen wundert’s, bei dieser Fehlkonstruktion mit hoher Arbeitslosigkeit, Staatsquote und Steuerlast? Bei diesen Lenkbewegungen, mal höhere Abgaben, mal vorgezogene Steuerreform? Der nächste Umfall kommt bestimmt.

Wäre Deutschland ein Auto, würde es keine Käufer finden. Die Unternehmen investieren wenig, die Wirtschaft stagniert, die Menschen resignieren. Dieses Auto braucht ein ganz neues Fahrwerk. Den Konstruktionsplan dazu hat gerade der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof vorgelegt: ein radikal vereinfachtes Steuersystem.

Nur noch 4 statt bisher 36 Steuerarten, nur noch ein Steuersatz von 25 Prozent (bei einem hohen Grundfreibetrag von 8000 Euro), keine private Steuererklärung mehr, weil Steuern direkt an der Quelle erhoben werden, und, vor allem, der Wegfall sämtlicher Subventionen und Ausnahmen – es ist ein Konzept, das schon mittelfristig all jene Wachstumskräfte freisetzen würde, die dem Land heute fehlen. Und Wachstum verspricht Stabilität.

Ein radikal vereinfachtes Steuersystem, wie Kirchhof es vorschlägt, stärkt die Binnennachfrage, weil den Menschen mehr Geld in der Tasche bleibt. Und kann nicht jeder Einzelne viel besser entscheiden, wofür er sein Geld ausgeben will, als der Staat? Einfache Steuern ermutigen die Mittelständler, neue Jobs zu schaffen – anstatt sich fortwährend damit zu beschäftigen, wo und wie sie Steuern umgehen können. Kaum vorstellbar, wie viel kreative Energie freigesetzt würde, wenn das Volk der Dichter und Denker weniger Zeit mit Steuerpoesie verbringen müsste: neue Ideen, neue Produkte.

Auch Steuerehrlichkeit wäre kein Fremdwort mehr. Acht Milliarden Euro gehen dem Fiskus jedes Jahr verloren, weil Kapitalerträge unterschlagen werden. Doch solche Steuerausfälle holt sich der Staat irgendwann über eine höhere Mehrwertsteuer wieder – und die belastet gerade die Menschen mit niedrigerem Einkommen. Ein radikal vereinfachtes Steuersystem wäre viel gerechter. Heute sind es die Besserverdienenden, die Steuerschlupflöcher nutzen oder sich teure Steuerberater leisten, die diese Schlupflöcher finden. Es sind gut verdienende Freiberufler, die bei der Steuererklärung das Auto oder das Bücherregal angeben, während einfache Angestellte fast nichts mehr absetzen dürfen.

Natürlich melden sich bei radikalen Vorschlägen sofort auch die Bedenkenträger. Ist nicht jeder Vorstoß für ein vereinfachtes Steuersystem gescheitert, ob Professorenplan (Bareis) oder Politikerprogramm (Uldall)? Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Peer Steinbrück sieht lediglich "den Anfang eines Prozesses", sein hessischer Amtskollege Roland Koch mahnt, dass eine Umsetzung "so schnell nicht" gehen werde, CSU-Landesgruppenchef Michael Glos watscht Kirchhofs Plan als "Professorenmodell, nicht mehr und nicht weniger" ab. So agieren Politiker, die genau wissen, wie ihre Klientel reagiert: Fällt die Pendlerpauschale, meutert der ADAC, kippt die Eigenheimzulage, jammern die Bausparkassen. Der Aufstand der Steuerberaterzunft steht sowieso bevor.

Insofern ist erst einmal Skepsis geboten, wenn in Berlin jetzt der große Subventionsabbau propagiert wird. Zehn Milliarden Euro Staatsknete weniger für Kohlearbeiter, Hausbesitzer und Berufspendler – es ist ein sinnvolles Konzept, das die Landeschefs Koch und Steinbrück vorgestellt haben. Bloß: Hochfliegende Pläne zum Subventionsabbau hat diese Republik genug gesehen. Die jährliche Kürzung der Staatshilfen darf nur der Einstieg in eine große, umfassende Reform sein. Wer so viele Steuern spart, wie es der Kirchhof-Entwurf vorsieht, kann ohne viel Gezeter auf diese oder jene Subsidien verzichten.

Natürlich braucht der Übergang in ein radikal einfaches Steuersystem Zeit. Aber die Zeit drängt: Schon im kommenden Jahr werden die Menschen mehr für ihre Gesundheit und ihre Altersvorsorge zahlen müssen. Gern appellieren Politiker an die Eigenverantwortung der Bürger, wenn es darum geht, neue Be lastungen zu verkaufen. Wie wäre es, wenn sich diese Politiker ihrer eigenen Verantwortung erinnerten und die Bürger finanziell ent lasteten?