Wer sind wir Deutschen – und was sind wir? Wie wurden wir, was wir heute sind? Und wohin geht es? Die wenigsten Zeitgenossen wissen die Antworten. Auf dumpf-beunruhigende Weise gewahren wir, dass wir im beschleunigten Wandel der Zukunft entgegenwirbeln. Aber wir können weniger Verlässliches über die Zukunft sagen als alle früheren Generationen.

Wer heute in Deutschland 50 Jahre alt ist, kam 1953 auf eine ganz andere Welt als jene, in der wir heute leben. Es war eine Welt, in der – kaum ein Jahrzehnt nach Kriegsende – scheinbar die mühsam wiedergewonnenen Unverrückbarkeiten der großväterlichen Lebensumstände erneut selbstverständliche Geltung besaßen.

Bastelbiografie und Patchwork

Der Mensch, so er Mann war, hatte eine vorhersehbare Vollbeschäftigungsbiografie; die Frau sorgte sich um Kinder und Küche, wenn sie nicht gerade Kriegerwitwe war und die Familie ernähren musste. Das Fahrrad war das schnellste Fortbewegungsmittel der meisten, auf deutschen Straßen fuhren erst eine halbe Million Personenwagen (heute sind es fast 100-mal mehr ). Das Fernsehen, damals gerade ein Jahr alt, drang in kaum ein Wohnzimmer. Nach Krieg und Vertreibung – neun Millionen Flüchtlinge aus dem Osten – war jeder glücklich, Wurzeln schlagen und sein Häuschen bauen zu dürfen. Man heiratete früh, wurde mit 25 Vater oder Mutter; Kinder kamen nach Lust und Laune der Natur, Scheidung blieb ein peinliches Missgeschick. Der Kirchgang am Sonntagvormittag war so selbstverständlich wie der Familienspaziergang am Nachmittag. Die Theorien von Meynard Keynes obwalteten im Westen, die von Karl Marx im Osten. Die Microsoft-Kultur des Bill Gates war nicht einmal eine ferne Ahnung; noch klapperte in den Büros die Schreibmaschine.

Diese Welt von 1953 ist dahin. Lebensformen, -führung und -verläufe haben sich seitdem massiv verändert. An die Stelle der Lebensläufe aus einem Guss sind Bastelbiografien getreten, und Patchwork-Verhältnisse an die der übersichtlichen Beziehungsmuster. Die Vita der Menschen zersplittert. Im Beruflichen wie im Privaten wird sie zunehmend aufgespalten in Teilzeit-Etappen, die das Arbeitsleben in eine Abfolge von Durchgangsjobs verwandeln. Lebensgefährten werden zu Lebensabschnittsbegleitern in einem System konsekutiver Polygamie, die alte Haushaltsfamilie wird zum "multilokalen Beziehungsnetzwerk". Die Kirchen haben an Mitgliedern wie sinnstiftendem Einfluss verloren, die Philosophen finden wenig Gehör. Die meisten Menschen schalten heutzutage auf Autopilot – ohne ihm wirklich zu trauen.

Sieben Trends haben die Entwicklung unserer Gesellschaft im zurückliegenden halben Jahrhundert bestimmt – ob zum Guten oder zum Bösen, steht noch dahin.

Erstens: Die Menschen werden älter. Dank des medizinischen Fortschritts – sprich: Antibiotika, verfeinerter Operationsmethoden, verbesserter Vor- und Nachsorge – leben die Menschen länger. Männer werden in Deutschland heute im Durchschnitt 75 Jahre alt, Frauen 82 Jahre. Sie werden damit über 30 Jahre älter als vor einem Jahrhundert und rund zehn Jahre älter als vor einem halben. Dies wirft alle früheren Kalkulationen für die Altersversorgung über den Haufen.

Zweitens: Das Land ergraut. Im Jahre 1950 wurden in Deutschland 1,4 Millionen Kinder geboren, 50 Jahre später nur noch etwas mehr als die Hälfte. Damals standen 15 Millionen Kinder unter 14 Jahren 6,7 Millionen Menschen im Alter von über 65 Jahren gegenüber; heute beträgt das Verhältnis der beiden Altersgruppen 1:1. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine demografische Revolution, unter anderem eine Folge des Pillenknicks, der Mitte der sechziger Jahre einsetzte. Die Pille hat das Fortpflanzungsverhalten wie die Lebensplanung von Grund auf verändert.