Sollte das schon alles gewesen sein? Seit Wochen, so wunderte sich Axel Honneth, ergeht sich die Öffentlichkeit in Ruhmreden auf den Philosophen Theodor W. Adorno. Das mediale Aufgebot ist enorm, und nach Jahrzehnten des Ressentiments widerfährt ihm Gerechtigkeit. Und doch, die Ehrenrettung, so beklagt der Direktor des Instituts für Sozialforschung und Organisator der Frankfurter Adorno-Konferenz, "hat etwas Obszönes". Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sei sie völlig unverbindlich. Einem Nachrichtenmagazin fielen zu Adorno nur Bettgeschichten ein; eine Frankfurter Zeitung erklärte ihn zum kollektiven Über-Ich, aber im Rest des Blattes sei es wie immer: Sympathie für Berlusconi, Fürsorglichkeit für potenzielle Wirtschaftskriminelle und Verachtung für den Sozialstaat.

Tatsächlich, behauptet Honneth, ist Adorno als Gesellschaftstheoretiker aktuell – und nicht als Kulturkritiker, der uns ein paar Sinnsprüche liefert, mit denen wir unser Unbehagen am Neoliberalismus tapezieren. Adorno öffne uns die Augen dafür, dass der Kapitalismus und die "Vermarktlichung der Gesellschaft" eine höchst einseitige Lebensform darstellt. Dafür gebe es sogar wissenschaftlichen Rückhalt. Wer die Ergebnisse von Moralphilosophie und Sozialwissenschaft nur eine winzige Drehung weitertreibe, der könne überraschende Übereinstimmungen mit Adorno entdecken. Aber welche?

Jürgen Habermas, der vor dreißig Jahren Adornos Naturbegriff spektakulär verabschiedet hatte, ist heute milde gestimmt. Seine Lektüre von Adornos berüchtigter Kant-Kritik war ein exegetisches Meisterstück, durchzogen von funkelnden Wendungen und versöhnlichen Obertönen. Sollte man sich verhört haben? Habermas lobte Adorno, weil er Kants unpersönlicher Vernunft einen Sitz im Leben verschafft habe, in der Leiblichkeit des Einzelnen, seinen Impulsen und Stimmungen. Freiheit, so zeigte Adorno, entspringt der Natur und bleibt doch mit ihr verwoben.

Und was wäre, wenn es der Biotechnologie gelänge, in die innere Natur einzugreifen? Habermas federte in seinem Begriffsnetz, zitierte den Philosophen Lutz Wingert und beruhigte die Gemeinde. Was immer sie noch anstellen mag, die menschliche Sprache werde sie nicht auf einen mechanistischen Prozess reduzieren können. Die Menschen sind nämlich Wesen, die Gründe austauschen, solange sie sprechen. Wollten sie sich im Vokabular von Hirnforschern verständigen, würden sie sich gar nicht verstehen. Kurzum, der Spalt, der zwischen den wissenschaftlichen Beobachtern und den Sprechenden klafft, ist der Raum der Sprache und damit der Raum der Freiheit. Mögen Naturwissenschaftler von einer geschlossenen Welt träumen, in der es nur Ursache und Wirkung gibt – die Natur der menschlichen Sprache, das Geben und Nehmen von Gründen, ist ein Widerstandsnest, das sie kaum werden erobern können.

Habermas hatte es vorgemacht. Wer vom Übertreibungskünstler Adorno heute noch etwas lernen will, der muss operativ in sein Werk eingreifen und die Einzelteile ins Gegenlicht halten. Christoph Menke zeigte das für die Moralphilosophie; Raymond Geuss und Martin Seel für die Erkenntnistheorie und Albrecht Wellmer, mit großer Zuneigung, für Adornos Ästhetik, die noch immer wie ein unvollständig gehobener Schatz durch die Oberfläche aktueller Diskussionen leuchtet. Dornig allerdings wird es auf dem Feld der Gesellschaftstheorie. Wer sich eine Theorie des Kapitalismus basteln möchte, der findet in Adornos Baukasten außer groben Keilen kaum ein Werkzeug, das ein Soziologenherz heute noch zu erfreuen vermöchte. Bereichert man aber den Baukasten mit neuen Instrumenten, wie es Peter Wagner versuchte, kann es passieren, dass er zwar glänzt und glitzert, vom alten Adorno aber nichts mehr übrig bleibt.

Was tun, wenn man nicht mit dem Hammer philosophieren will? Wenn, wie Rahel Jaeggi meinte, die "ethische Sparsamkeit des Liberalismus an ihre Grenze kommt"? Honneth empfahl, Adorno abzurüsten und ihn nur noch als hermeneutischen Schlüssel zu benutzen, mit dem wir erkennen, welche Verletzungserfahrungen uns die "geschichtliche Natur unserer Gesellschaft" zufügt. Beschädigt ist ein Leben, wenn die aus "liebender Nachahmung" entstandenen Antriebe von Nützlichkeitserwägungen vollständig aufgefressen werden und der soziale Überlebenskampf alle anderen Motive in Beschlag nimmt. Das ist keine Reminiszenz an ranzige Entfremdungstheorien. Die Sozialforschung, so zeigte Sighard Neckel eindrucksvoll, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Sie kennt den neuen Typ des "reflexiven Mitspielers". Er verhält sich taktisch in allen Lebenslagen und scheint über alles aufgeklärt. Konformismus und Kritik greifen bruchlos ineinander. Mit bekennender Rücksichtslosigkeit verfolgt er seine Interessen und macht sich selbst zur Marke, doch die Angst vor Abweichung und Versagen verfolgt ihn Tag und Nacht. Der "reflexive Mitspieler" ist Ich-AG und Selbstverwerter in einer Person. Er verkörpert die Kampfstimmung, von der unsere Gesellschaft durchdrungen sei.

Möglich, dass solche Beschreibungen einmal in eine Theorie der Gegenwart eingehen werde. Noch besteht sie aus Fragmenten, doch das erstaunliche Interesse am Denken Adornos verrät das Bedürfnis nach einer Sozialphilosophie, die den subjektlosen Dogmatismus der Systemtheorie ebenso hinter sich lässt wie die postmoderne Gleichgültigkeit gegenüber dem Sozialen. Sie würde sich weder in Begründungsfragen noch in Demokratietheorie erschöpfen und stattdessen die ältesten Motive der Philosophie mit einer Beschreibung der Gegenwart verbinden: Freiheit und Gerechtigkeit, Sorge und Glück. Mit Adorno hätte eine solche Philosophie nur noch wenig zu tun, aber für eine tiefe Verneigung würde es allemal reichen.