wandschmuck
Geduldige Dame aus Papier wartet auf Gesellschaft
Reden gegen die Wand
Geduldige Dame aus Papier wartet auf Gesellschaft
Zwei Mainzer Innenarchitektinnen haben die ideale Mitbewohnerin erfunden – die Single-Tapete
Die Vorstellungen über das Single-Dasein wechseln wie die Jahreszeiten. Mal gilt der Alleinstehende als bedauerns-, mal als beneidenswert, einsam oder hip, ignoriert oder heiß begehrt. Der Single lebt gar nicht schlecht mit diesen vielfältigen Klischees, offenbaren sie doch alle eines: Das alleinstehende Wesen lässt keinen kalt. Es wird gehegt, gepflegt, umworben. Ganze Industriezweige haben sich seiner angenommen, offerieren Single-Reisen, Single-Mahlzeiten, Single-Bettwäsche. Die neueste Errungenschaft auf diesem Markt ist die Single-Tapete. Zwei Mainzer Innenarchitektinnen, Andrea Baum, 36, und Susanne Schmidt, 34, haben sie erfunden. »Wir hörten gerade diese Single-CD mit der Geräuschkulisse für Alleinstehende, da hat es bei uns klick! gemacht«, sagt Susanne Schmidt.
Auf ihrem Wandschmuck sind freundliche junge Menschen abgebildet, die dem Single künftig auf anspruchsloseste Weise Gesellschaft leisten möchten. Denn wer einmal das Wohngemeinschaftsleben zugunsten des eigenen Haushalts verlassen hat, entwickelt bekanntermaßen die verschiedensten Eigenheiten, bei deren Ausübung er sich in Zukunft nur noch ungern stören lässt. Der stille Mitbewohner an der Wand bietet eine willkommene Alternative zum üblichen Wohngemeinschaftsmitglied, denn er verstreut seine schmutzigen Socken nicht in der Wohnung, verqualmt weder die Zimmer, noch isst er das Lieblingseis auf, und sowohl das Badezimmer als auch das schönste Balkonplätzchen sind unerreichbar für ihn.
»Für die verschiedenen Wohnbereiche haben wir vier Varianten entworfen«, sagt Susanne Schmidt. Ihre Tapeten-Damen fühlen sich am besten im Küchen- oder Esszimmerbereich aufgehängt. Sie trinken Kaffee oder Weißwein und scheinen noch zu überlegen, wie sie ihr Outfit komplettieren könnten. Im Wohnzimmer dagegen wartet ein hemdsärmeliger blonder Mann auf die Dame des Hauses. Lässig breitet er seine Arme auf dem Sofa aus und blickt erwartungsvoll in den Raum. Die Gesichter der Wand-Bewohner sind alle leicht unscharf, denn jeder soll sich seinen persönlichen Favoriten in sie hineindenken können. Der Begriff der Projektionsfläche erfährt mit der Erfindung der Single-Tapete also eine neue Variante. »Wir haben deshalb bewusst keine unnahbar schönen Model-Typen gecastet«, sagt Schmidt. In wenigen Wochen werden die Architektinnen das Fotoshooting für ihre Tapete wiederholen, denn die erste Auflage diente nur Präsentationszwecken. Im Internet kann sich jeder trend- und selbstbewusste Single dann ab November sein Lieblingsmotiv bestellen. Bereits jetzt haben die Architektinnen zahlreiche Anfragen von potenziellen Wanddarstellern bekommen – viele von Singles, die sich als ihr eigenes Fototapetenmotiv verschenken möchten. Der eine oder andere Narziss mag sich vielleicht auch am eigenen Wandbild ergötzen. In jedem Fall bedeutet die Abkehr von der minimalistisch weißen Raufaser ein Bekenntnis. »Zeige mir deine Tapete, und ich sage dir, wer du bist«, das wusste schon der Kunsthistoriker Ernst Wolfgang Mick, der 20 Jahre lang das Tapetenmuseum in Kassel leitete. Nur ein schmaler Grat trennt manchmal die traurige Kompensation von der Selbstgenügsamkeit, den Pragmatismus von der stillen Sehnsucht im Leben eines Singles – auch dafür ist die Tapete ein Abbild.
- Datum 02.10.2003 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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