Die Hände schwitzen, die Knie zittern, der Mund bebt und das Herz rast. Egal, ob Student, Lehrer, Musiker, Schauspieler oder Manager – wer etwas vorträgt und sich dabei nicht blamieren möchte, wird schnell zum Opfer des eigenen vegetativen Nervensystems, das die Angstreaktionen auslöst. Bei Hellmut Funke, Pauker beim Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks in Hannover, wurde die Angst so groß, dass er sogar während einer Aufführung vom Podium floh und ein drei viertel Jahr pausieren musste.

Versagt ein berühmter Pianist bei einem Klavierabend auf großer Bühne, zerreißen ihn die Kritiker am nächsten Tag in der Zeitung. Auftrittsängste können Karrieren zerstören und verhindern. Dabei ist es eine Frage der Intensität, ab wann das Lampenfieber zum Störfaktor wird, denn in leichtem Grade wirkt es sich leistungsfördernd aus und verleiht der Aufführung Bravour oder Genialität. Einer amerikanischen Studie zufolge leiden rund 50 Prozent der Musiker unter belastendem Lampenfieber – wenn die Finger zittern und der Geist lahmt. Von diesen schwer Betroffenen schluckt mehr als die Hälfte Beruhigungsmittel oder sogar Beta-Blocker, die das Herz langsamer schlagen lassen und das Zittern unterdrücken.

Doch das vegetative Nervensystem lässt sich auch ohne Chemie beeinflussen. Claudia Spahn, Oberärztin an der Abteilung für Psychosomatik der Universität Freiburg, bietet Musikstudenten ein spezielles Trainingsprogramm an, damit sie Konzerte besser bewältigen. "Leider sind die Studenten, die es am nötigsten hatten, nicht zum Kurs gekommen", sagt Spahn. Das wundere sie nicht, denn Lampenfieber sei nach wie vor ein Tabu-Thema. Gerade wer damit besondere Schwierigkeiten habe, würde kaum darüber sprechen.

Dabei ist der offensive Umgang mit der Angst der erste Schritt zu ihrer Bewältigung. Claudia Spahn geht mit den Studenten jede Phase des Auftritts detailliert durch; dabei sollen sie von ihren bisherigen Erfahrungen berichten: Wie komme ich auf die Bühne? Wie ist meine Körperhaltung? Wie schaue ich ins Publikum? Wie stelle oder setze ich mich hin? Wie wirke ich auf die Zuschauer? Was empfinde ich? Um sich dabei selbstkritisch zu beobachten, sind Videoaufzeichnungen hilfreich. "Als ich meine Tapsigkeit auf Video sah, wurde ich zunächst noch unsicherer", sagt eine Studentin. Doch als der Auftritt in der Gruppe ein paar Mal geübt wurde, bekam sie mehr Mut, ins Rampenlicht zu treten.

Die Strategien, um die Bühnen-Angst zu bewältigen, sind immer individuell. Vielen helfen Atem- oder Muskelentspannungsübungen, während andere auf so genannte autoimaginative Techniken schwören. Die Konzentration auf positiv gemeisterte Situationen in der Vergangenheit soll die Zweifel am eigenen Können vertreiben, indem man sich zum Beispiel vorsagt: "Beim letzten Konzert habe ich ohne Fehler die schweren Stellen gespielt, und ich bekam einen wahnsinnigen Applaus – das wird jetzt genauso sein." Während dem Gehirn mit Erfolgserlebnissen geschmeichelt wird, stärkt sich das Selbstbewusstsein und trickst so die Angst aus.

Und die Psyche lässt sich offensichtlich auf diese Weise überlisten. Eine Studie des Institutes für Klinische Gesundheitspsychologie der Universität Leipzig konnte die Wirksamkeit und Akzeptanz der neuartigen Trainingsprogramme bei Musikstudenten belegen. Vor allem diejenigen, die vor Kursbeginn "mittelgradig erhöhte Podiumsangstwerte" hatten, verbuchten den größten Gewinn. Bei jenen mit hochgradiger Angst erreichte der Kurs am wenigsten. Auch sechs Monate nach Ende des Trainings besannen sich die Studenten zu einem Großteil auf die erlernten Methoden, bevor sie die Bühne betraten.

Meist ist die Ursache für übertriebenes Lampenfieber nicht leicht zu finden. In der Regel steckt dahinter ein traumatisches Vorerlebnis, das völlig banal sein kann, wie zum Beispiel folgende Situation: Grundschule, Vortrag eines Gedichtes, Mädchen haben gelacht. Michael Bohne, Arzt und "Auftrittscoach" aus Hannover, berichtet von einem Pressesprecher, der sehr darunter litt, sich vor Kameras zu präsentieren. "Die Wurzel des Problems lag wohl in einer Turnstunde, zweite Klasse, als er sein Sportzeug vergessen hatte und der Lehrer ihn zwang, in Unterwäsche zu turnen", sagt Bohne. Durch eine moderne Traumatherapie sei diese Episode ins Bewusstsein gerückt worden, die negative Erinnerung konnte verändert werden. Bei dem Pressesprecher wären die Angstzustände schlagartig zurückgegangen. Oft würde eine einzige therapeutische Sitzung reichen, um erstaunliche Wirkung zu erzielen.

Von alleine verschwinden diese Angstzustände meist nicht – obwohl es bei den Künstlern oder Moderatoren nicht an täglicher Übung mangelt. "Eine unbehandelte Angst hat eine schlechte Prognose", sagt Helmut Möller, Leiter des Kurt-Singer-Institutes für Musikergesundheit in Berlin. Der berühmte Tenor Caruso litt bis zum Ende seiner Karriere unter fürchterlichem Lampenfieber und roch stets an einem Fläschchen mit Orangenessenzen, auf deren beruhigende Wirkung er schwor. Solche Rituale können eine gewisse Sicherheit geben. Doch wesentlich effektiver scheint eine Therapie zu sein, die Helmut Möller als "in vivo Arbeit" bezeichnet. Man kann dann den Arzt und Psychoanalytiker mit einer Gruppe von Musikern zum Beispiel vor der Gedächtniskirche in Berlin antreffen und ihn marktschreierisch den Auftritt der ängstlichen Musikanten ankündigen hören. "Wir machen das so lange, bis sie sich wohler fühlen und sich nicht mehr schämen", sagt Möller. Dabei würde immer sehr genau die Wahrnehmung der Situation und des eigenen Befindens analysiert. Irgendwann zittern dann die Knie nicht mehr.