Erst wird die kleine Trommel gerührt, silberschellenhell, als wäre der Krieg eine Frage des Kinderzimmers - gleich darauf schlägt sich der Stechschritt selbst ein Schnippchen und mündet in ein listig lächelndes, molltrunkenes Walzertanzenwollen - und immer, wenn die grässlichsten Fratzen ihre Häupter aus den Schützengräben heben, klingt die Musik, als nehme sie diese ernster noch als ernst: nie enden wollende Akkorde wie aus beiden Ellbogen gestemmt, Kontrapunktisches, als ballte der Pianist unt er der Klaviatur die Fäuste. Franz Schubert, so viel ist nach dieser Aufnahme seines Militärmarsches Nø 1 D 733 sicher, muss ein bedeutender Pazifist gewesen sein. Und Vladimir Horowitz, der Interpret, ihm darin ein getreuer Gefolgsmann. Horowitz nutzt die virtuosen Breitseiten, die Carl Tausigs Arrangement dem Stück angedeihen lässt, wahrlich ingeniös, lässt es vielstimmig funkeln und rauschen und rennen und in der Amplitude zwischen Sargdeckelknarren und höchstem Triumphgeheul durchaus auch mal gehörig krachen. Was immer bleibt, ist der Esprit, ist das nichts und niemanden desavouierende Augenzwinkern eines freundlichen älteren Herrn mit vollendeten Manieren. Tausig, so gibt uns Horowitz zu verstehen, war viel klüger, als die Musikwelt ihm unterstellt.

Und Schuberts Musik kann viel verkraften.

Es käme darauf an, hat Horowitz einmal bemerkt, das Klavier in ein "sangliches Instrument zu verwandeln". Wie das geht? "Ein sanglicher Ton besteht aus Schattierungen, Farben und Kontrasten." Nun hat die Deutsche Grammophon noch einmal in ihrem Archiv gestöbert und fördert auf einer Doppel-CD nebst DVD zutage, was Horowitz in den Jahren seines letzten großen Comebacks, zwischen 1985 und 1989, so alles eingespielt hat (DG 474 334-2): Walzer von Liszt, Etüden von Skriabin, Scarlatti-Sonaten, Mazurken von Chopin, Préludes von Rachmaninow, Schumanns Kreisleriana und Mozarts A-Dur Konzert KV 488 unter Carlo Maria Giulini. Bemerkenswert ist, dass der Impressionismus des Lichtes, der Farben und Kontraste weniger dort zu Buche schlägt, wo er gleichsam mitkomponiert ist, bei Liszt und Skriabin also, als vielmehr da, wo man ihn nicht unbedingt vermuten würde, in Scarlattis E-Dur Sonate etwa oder auch in Bachs Choralvorspiel Nun komm der Heiden Heiland, mit stählernem Cantus firmus über schwarzerdig gründelnden Bässen. Vieles an Horowitz' Spiel mag stilistisch längst aus der Zeit gefallen sein. Altmodisch und aus Überzeugung künstlich. Keine Bekenntnismusik. Aber nobel im Geschmack.