Herzlich Willkommen. Collagen des Fotokünstlers Jochen Klein illustrieren die Serie „Leben in Deutschland“

Collage: Jochen Klein für DIE ZEIT

Jeden Dienstagabend steuert eine kleine Prozession von Paaren das Haus zwölf des Hamburger Heidberg-Krankenhauses an. Hand in Hand, Arm in Arm, steigen sie in den ersten Stock hinauf, wo sie mit aufmunterndem Kopfnicken erwartet werden. Männer zücken Stift und Papier, Frauen umfassen ihren Bauch und werfen einen prüfenden Blick auf die umfangreichen Leiber rechts und links. Es ist kurz nach 19 Uhr, der Informationsabend für werdende Eltern beginnt. Die Geburtsabteilung des Heidberg-Krankenhauses präsentiert sich mit ihrer besten Besetzung: Schwestern, Hebammen und Ärzte werben für ihre Klinik.

Der oberste Geburtshelfer macht den Anfang. Auf seinem weißen Poloshirt prangt ein Pinguin mit dem Namen Dr. Scheele. Der fehlende weiße Kittel signalisiert: Hier wird fachlich kompetent gearbeitet – aber nicht kalt distanziert. Der Gynäkologe spricht von der „Individualität der Geburt“ und den „besonderen Wünschen der Frau“. Die Zuhörer erfahren, dass Heidberg bei den Wassergeburten in Hamburg an der Spitze stehe. Auch der Kaiserschnitt auf Wunsch – „Das darf man heute denken“ – sei möglich. Der wichtigste Grundsatz sei: „Es wird nichts gemacht, was Sie nicht wollen.“

Das hören die Besucher gern – und viele nicht zum ersten Mal. Denn werdende Eltern haben Zeit, viel Zeit. Anders als Schlaganfall- oder Herzinfarktpatienten, die umgehend ins nächstbeste Krankenhaus eingeliefert werden, können die Kreißsaal-Touristen mehr als ein halbes Jahr lang Info-Abende abklappern, die Fahrtdauer von zu Hause zum Hospital stoppen und Hochglanzbroschüren der Kliniken studieren, in denen ihr Kind zur Welt kommen könnte. In Heidberg bei dem sympathischen Oberarzt? Im Krankenhaus in Hamburg-Mitte, wo die Entbindungsstation einem Wellness-Club ähnelt, aber die Kinderintensivstation fehlt? Oder doch eher im Hospital im Westen der Stadt, das künftige Eltern mit einem angeschlossenen Hotel lockt?

„Verwirklichen Sie Ihren Traum!“

Vorausschauende Eltern gehen ins Detail: „Wie sieht es mit dem Parkplatz aus?“, will ein Vater wissen, der seine Frau schon auf dem Rücksitz kreißen sieht, während er das Krankenhaus umrundet. „Keine Angst, die sind für Sie reserviert“, beruhigt Doktor Scheele. „Und was gibt es gegen Schmerzen?“, fragt ein anderer Vater, wohl stellvertretend für seine Frau. Im Angebot stehen Aromatherapie, Homöopathie und Akupunktur und die Rückenmarkspritze, die alle Wehenbeschwerden ausschaltet. Nur ein Problem kann der Geburtshelfer nicht klären: Soll man das Nabelschnurblut mit den Stammzellen darin einfrieren für den Fall, dass das Kind – in 5, 10 oder 20 Jahren – an Krebs erkrankt? Darüber gingen die Meinungen der Experten auseinander, sagt Scheele, „das müssen Sie aus dem Bauch entscheiden.“

Noch vor zwei Generationen, bevor es die Pille gab, kam der Nachwuchs als Naturereignis über ein junges Paar. Man gebar zu Hause oder im nächstgelegenen Krankenhaus, und mit Gottes Hilfe und Mutters Rat wurde aus zwei Menschen eine Familie. Heute erfordert das Kinderkriegen Entscheidungsarbeit. Die Paare an diesem Abend haben den folgenreichsten Entschluss ihres Lebens – mit wem und wann und ob überhaupt ein Kind kriegen – nach vielem Wägen und Kalkulieren hinter sich gebracht. Nun sollen auch das Wo und Wie der Menschwerdung nicht dem Zufall überlassen bleiben. Nie war die Zahl der Geburten in Deutschland so niedrig – und der Aufwand vor der Ankunft eines Kindes so hoch. Zu keiner Zeit wurden Paare so spät Eltern – und stimmten sich gleichzeitig derart früh in der Schwangerschaft darauf ein.

Eltern zu werden im Jahr 2003, das ist eine schwere Geburt und so widersprüchlich, wie vieles in diesem sehr modernen Land. Eine Geschichte zwischen umfassender Informiertheit und steter Verunsicherung, zwischen Hightech und der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, zwischen gehobenen Ansprüchen und gesunkener Leidenstoleranz.