Das Land des Kinderschwunds

Ein Krankenhaus stirbt mit seiner Abteilung für Geburtsmedizin, heißt es. Für eine Gesellschaft gilt im übertragenen Sinn Ähnliches. Seit Anfang der siebziger Jahre leidet Deutschland unter Kinderschwund: Im Schnitt bekommen Frauen hierzulande nur noch 1,35 Kinder. Gleichzeitig steigt das durchschnittliche Alter der Erstgebärenden unaufhaltsam: von 25 Jahren 1961 auf heute über 29 Jahre. Anders als früher nimmt nicht die Familiengröße ab – der Anteil der Zwei-Kind-Familien bleibt seit einigen Jahren relativ stabil. Zurück geht die Zahl der Einzelkinder. Die Verursacher des anhaltenden Bevölkerungsrückgangs sind heute die Kinderlosen: Jede vierte nach 1960 geborene Frau ist kinderlos geblieben. Von den nach 1970 Geborenen könnte es sogar jede dritte sein. Damit nimmt Deutschland im internationalen Vergleich eine Spitzenstellung ein. Die extrem langen Bildungszeiten strafen besonders Akademikerinnen mit Kinderlosigkeit. Die weiblichen Mitglieder des Bundeskabinetts spiegeln diesen Trend: Von sechs Ministerinnen haben vier keine Kinder.

Zeugung in der Petrischale

Unter anderem weil sich viele Paare spät zur Familiengründung entschließen, wird das Kinderkriegen zum Problem. Schon ab 30 Jahren sinkt die Fruchtbarkeit der Frauen. Bis zu 15 Prozent aller Männer und Frauen warten mehr als ein bis zwei Jahre vergeblich auf Nachwuchs. Ungewollte Kinderlosigkeit hat sich zu einem stillen Volksleiden entwickelt, so häufig wie Diabetes oder Rheuma. Jedes achtzigste deutsche Kind wird heute in der Petrischale gezeugt. Die In-vitro-Technik hat sich etabliert, auch wenn ihre Erfolgsraten gering bleiben. Bei 10 bis 25 Prozent pro Versuch liegen die Chancen, dass die High-Tech-Zeugung funktioniert.

Die Leiden deutscher Eltern

"Kinder sind in Deutschland das i-Tüpfelchen auf einer Partnerschaft, nachdem Karriere, Finanzen und Wohnung geregelt sind", sagt die Magdeburger Psychologin Claudia Quaiser-Pohl, die Paare in verschiedenen Staaten vor und nach der Geburt ihres Kindes befragte. Hierzulande lassen sich die Partner vom Kennenlernen bis zur Familiengründung durchschnittlich fünf Jahre Zeit. "Ausgeprägte individualistische Vorstellungen" diagnostiziert Quaiser-Pohl. Das wirke sich auch auf die Lebenszufriedenheit nach der Geburt des Kindes aus. Sätze wie "Meine eigenen Bedürfnisse kommen zu kurz" sind für deutsche Eltern typisch. Auch die Partnerschaft leidet nach der Geburt in Deutschland am stärksten. Vor allem die Männer zeigen sich unzufrieden. Sie pflegen, so Quaiser-Pohl, ein "unwahrscheinlich egalitäres Rollenbild", das jedoch nur schwer einzulösen ist. Der moderne Mann geht nicht nur mit zum Ultraschall, er wird sogar dicker während der Schwangerschaft einer Frau – im Schnitt um vier Kilo. Er schiebt den Kinderwagen und kann wickeln. Er tut es jedoch selten. Nach der Geburt folgt für den Mann das Leben nach ein paar Wochen Babyurlaub weitgehend seinem gewohnten Gang. Nur eines ändert sich: Er arbeitet mehr als je zuvor.