Und es geht doch. Worüber in Deutschland seit Jahren immer wieder gestritten wird, was die einen für unmöglich und die anderen für politischen Selbstmord halten, ist jenseits der Bundesgrenzen längst Alltag: der massive Abbau von Subventionen. Ob in der Schweiz, in Großbritannien, in Schweden oder Neuseeland – in vielen Ländern haben Regierungen den allzu spendablen Umgang mit Steuergeldern wieder beendet. Sie haben bewiesen, dass es danach nicht nur dem Staatshaushalt, sondern auch der Konjunktur wieder besser geht.

Weil der Kölner Finanzwissenschaftler Michael Thöne herausfinden wollte, warum anderswo klappt, was hierzulande unmöglich scheint, hat er die Strategien von sieben Industrienationen untersucht. Er nahm dabei Australien, Neuseeland und die USA, die Schweiz, Dänemark, Schweden und England unter die Lupe. Sein Resultat ist ermutigend. Um Subventionen zu reduzieren, braucht man nicht einmal eine schlimme Krise.

So erkannte die Schweiz schon Anfang der Neunziger, dass manche ihrer Finanzhilfen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr überprüft worden waren. "Wir brauchten einfach einen besseren Überblick", erinnert sich Thomas Brügger vom Eidgenössischen Finanzdepartment EFD. Also verabschiedeten Regierung und Parlament 1990 ein Gesetz, das alle Subventionen zeitlich befristet. Alle sechs Jahre muss das Finanzministerium die Hilfen untersuchen, einen detaillierten Bericht an das Parlament und den Bundesrat senden und dann aufräumen. Eine öffentlich verfügbare Datenbank erlaubt zudem allen Bürgern die nötige Kontrolle über das staatliche Handeln.

Und noch eine Regel ist der Schweiz wichtig. "Auf steuerliche Vergünstigungen wird in der Regel verzichtet", heißt sie. Die Schweizer wollen vermeiden, dass der Subventionssegen klammheimlich durch Steuernachlässe ersetzt wird. Erfahrungsgemäß lassen sich die nämlich noch schlechter kontrollieren und beenden.

Wie wirkungsvoll so eine gesetzlich angeordnete Kontrolle sein kann, beweisen die Zahlen. In ihrem ersten umfassenden Bericht von 1995 kamen 159 Programme auf den Prüfstand. 136 wurden beanstandet. Als hochwillkommener Nebeneffekt sorgte die neue Politik inzwischen auch für mehr Sparsamkeit. Seit 2000 konnten jedes Jahr unsinnige Programme im Wert von jeweils 100 Millionen Franken gestrichen werden.

Im Berliner Finanzministerium nennt man solche Beispiele gern "Nasentheorie" – natürlich nur inoffiziell. Die Theorie besagt, dass Länder, die radikal bei den Staatsausgaben sparen, vorher erst heftig auf die Nase fallen mussten. Dann nämlich bleibe ihnen wegen ihrer hohen Defizite schlicht keine andere Wahl, als zu sparen. Ist die Lage in Deutschland also noch nicht prekär genug? Finanzwissenschaftler Thöne kann darüber nur lächeln. "Wie schlimm muss es denn noch werden?", fragt er. "Wir leiden doch längst an japanischen Zuständen, da können wir doch nicht auf die ganz große Krise warten." Zumal, so der Wissenschaftler, die Berliner "Nasentheorie" auch noch falsch sei. Die Schweizer hätten ihre Subventionsberge freiwillig durchforstet – und es ging ihnen zunächst gar nicht darum, möglichst schnell viel Geld zu sparen. Viel wichtiger war, ob mit dem Geldsegen auch der gewünschte Zweck erreicht wird.

Das ist man vorangekommen. Ganz Schweizer, schwächt der Finanzbeamte Brügger diesen Erfolg allerdings ab. "Das ist natürlich nichts im Vergleich zum jetzt geplanten Sparpaket in Höhe von drei Milliarden Franken", sagt er und verweist damit auf den nächsten Coup: Um wirklich zu sparen, haben die Eidgenossen ihre Regierung per Verfassung zum Haushaltsausgleich gezwungen – mit einer intelligenten Formel. Ihr Budget muss über den Konjunkturzyklus hinweg ausgeglichen sein. "Dadurch entsteht Druck auf die Politiker", sagt Brügger.

Die Studie von Thöne erzählt nicht nur von sparsamen Schweizern. Sie hat auch die Geschichte der einst von einer sparwütigen Margaret Thatcher getriebenen Briten oder der Schweden auf ihre finanzwissenschaftlichen Lehren hin untersucht. Thönes Fazit: Kluge Politiker greifen in der Not nicht etwa panisch nach der Rasenmähermethode. "Alle sinnvollen und unsinnigen Ausgaben gleichermaßen zu kürzen ist traurig. Das ist doch das Ende jedes politischen Selbstbewusstseins", sagt er. Sowohl die Briten, die radikal in vielen Bereichen kürzten, als auch die Schweden, die den Rotstift vor allem bei den Zuschüssen im Wohnungsbau ansetzten, wählten ihre Sparziele nach politischen Kriterien aus.