Seit langem war bekannt, dass der Literaturwissenschaftler Edward Said schwer krank war. Am vergangenen Donnerstag ist er im Alter von 67 Jahren in New York an Leukämie gestorben. In Saids Wirken gingen Wissenschaft und politisches Engagement Hand in Hand. Sein berühmtestes Buch, Orientalismus (1978), entlarvte die westliche Rede vom Orient als Werkzeug des Imperialismus. Der Orientale werde als das Gegenbild des westlich-abendländischen Menschen, als der schlechthin andere konstruiert, um die politische Herrschaft des Westens über den Nahen Osten zu rechtfertigen.

Saids Buch wurde zum Gründungsdokument einer eigenen Richtung in den Kulturwissenschaften - den postcolonial studies. Den gedemütigten intellektuellen Schichten des Nahen Ostens bot es eine entlastende Erklärung für die kulturelle, politische und soziale Misere, die auch Jahrzehnte nach der Entkolonialisierung noch in weiten Teilen der islamischen Welt herrschte.

Mancher begann sich in der von Edward Said beschriebenen Opferrolle einzurichten. In seinen Leitartikeln trat Said oft als scharfer Kritiker der arabischen Regime und ihrer hörigen Intellektuellen auf. 1935 in Jerusalem geboren, wuchs er dort und in Kairo auf. Sein anglophiler Vater ließ ihn auf englischsprachigen Eliteschulen erziehen. Edward Said wurde im Milieu des episkopalischen Protestantismus erzogen. In Princeton, Harvard und zuletzt an der Columbia-Universität machte er eine fabelhafte Karriere. Dennoch zeichnete er bis zum Schluss ein düsteres Bild vom araberfeindlichen und islamophoben Amerika. Seine eigene Erfolgsgeschichte durfte in diesem Bild nicht vorkommen - als wäre sie ein Dementi seiner Orientalismus-Theorie.

Diese Theorie wird heute vor allem von jungen, liberalen Intellektuellen aus der islamischen Welt kritisiert. Sie habe der nötigen Selbstkritik der modernen Muslime den Wind aus den Segeln genommen. Said hatte zuletzt den Glauben an die Möglichkeit eines Friedensprozesses aufgegeben. Arafat galt ihm als Verräter, weil er zu viele Zugeständnisse gemacht habe. Edward Said distanzierte sich vom Terror der Hamas, erklärte ihn aber im gleichen Atemzug zur berechtigten Rebellion der Verzweifelten. So sehr er politisch am Ende auf Eskalation setzte, blieb doch sein konkretes Engagement dem Geist der Versöhnung verpflichtet. Mit israelisch-palästinensischen Jugendorchestern versuchten er und sein Freund Daniel Barenboim Brücken zu schlagen. Said war ein talentierter Pianist und kompetenter Musikkritiker. In der Hoffnung auf die heilende Kraft der Musik bewahrte sich ein Kern des humanistischen Glaubens an die Verständigung, der Edward Said irgendwo auf seinem Weg abhanden gekommen sein muss.