Einwanderer
Ossis sind Türken
13 Jahre Einheit: In Gesamt-Westdeutschland sind die Ostdeutschen Einwanderer
In Wolfgang Beckers besucht der Filmheld Alex kurz vor den Wiedervereinigungsfeiern seinen in den Westen geflohenen Vater. Unerkannt betritt er die schmucke Villa in Wannsee, setzt sich zu seinen Halbgeschwistern vor den Fernseher und schaut das Die beiden Kinder fragen, wie er heiße, woher er komme. Alex antwortet: „Ich komme aus einem anderen Land.“ Er sagt nicht, er sei aus der DDR. Er sagt nicht, er komme aus „der Zone“. Alex sagt auch nicht: „Ich bin einer eurer armen Brüder und Schwestern.“ (Obwohl das in dieser Konstellation nicht einmal gelogen gewesen wäre und einen hübschen Szenenwitz abgegeben hätte.) Schon gar nicht sagt er, er sei Ostdeutscher. Alex sagt: Er komme aus einem völlig anderen Land als die beiden West-Berliner Kinder. Das ist die schlichte Wahrheit. Wäre sie in den vergangenen 13 Jahren beachtet worden, der Prozess der Deutschen Einheit wäre anders – und wahrscheinlich erfolgreicher – verlaufen.
Seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung beherrschen Missverständnisse und wohlmeinende Lebenslügen über „die Ostdeutschen“ Politik und Öffentlichkeit. „Der Westen“ redete sich und den Ostlern ein, eigentlich sei man sich gar nicht so fremd. Nun wachse zusammen, was zusammengehöre. Alles werde gut. Ganz schnell. Tatsächlich aber sind die Ostdeutschen – genau wie Alex sagt – aus einem völlig anderen Land gekommen. Sie ließen ihre Heimat hinter sich, gerieten in einen fertigen Staat, in eine gesetzte Gesellschaft, die nicht auf sie gewartet hatte, die sie kaum mitgestalten konnten, in die sie sich einzupassen hatten. Wie typische Immigranten waren die Ostdeutschen anfangs orientierungs- und weitgehend mittellos. Sie hatten hohe Erwartungen, durchliefen Begeisterung und Enttäuschung. Das Außergewöhnliche ihres Migrantendaseins ist bloß, dass sie ausgewandert sind, ohne sich fortbewegt zu haben. Das neue Land ist zu ihnen gekommen, nicht umgekehrt.
Welchen Nutzen hat es, die Ostdeutschen als Immigranten zu betrachten? Erstens ergeben viele ihrer Verhaltensweisen plötzlich Sinn, die dem Westen bisher unverständlich erschienen. Die meisten Irritationen zwischen Ost- und Westdeutschen lassen sich als Konflikt erklären zwischen der Erwartung einer Mehrheitsgesellschaft einerseits, die Hinzukommenden mögen sich doch bitte artig anpassen, und der Forderung der Zuwanderer andererseits, zumindest etwas von ihrer Identität bewahren zu dürfen – eine typische Auseinandersetzung also zwischen einem Aufnahmeland (das Assimilation verlangt) und Immigranten (die höchstens zu Integration bereit sind). Die Ostalgiewelle etwa, die gerade durch die Fernsehkanäle geschwappt ist, erklärt sich dadurch ganz simpel.
Zweitens lässt sich aus dieser Betrachtungsweise möglicherweise ein klügerer Umgang mit „dem Ostdeutschen“ ableiten. Drittens könnte ein Perspektivenwechsel bei Prognosen hilfreich sein: Betrachtet man die Ex-DDR-Bürger als Einwanderer, lassen sich möglicherweise realistische Antworten geben auf die Frage, was auf Dauer bleiben wird von der DDR.
Iren in Amerika erging es ähnlich
Liest man sich als Ostdeutscher durch die wissenschaftliche Migrationsliteratur, ist die Verblüffung groß: Egal, ob es um sowjetische Juden in Israel geht, um Iren in Amerika oder um Chinesen in Australien; egal, ob Migrationserfahrungen aus dem 18., dem 19. oder dem 20. Jahrhundert analysiert werden – vieles klingt, als ginge es um deutsch-deutsche Befindlichkeiten. So schreibt Zeev Ben-Sira über Probleme von und mit Einwanderern in Israel: „Die mit dem Immigrationsprozess verbundenen Veränderungen … können zu reziproken feindlichen Reaktionen führen. Immigranten neigen dazu, sich abgestoßen, ausgebeutet und vielleicht sogar schikaniert zu fühlen … Umgekehrt sind Mitglieder der Aufnahmegesellschaft anfällig dafür, … sich darüber zu ärgern, dass sie die Kosten der Aufnahme zu tragen haben.“ Das klingt vertraut, oder?
Nach 1989 gab es für die Ostdeutschen fast nichts, was sich nicht änderte: Ein neues politisches System hielt Einzug. Aus den Regalen der Kaufhallen verschwanden die gewohnten Erzeugnisse, aus dem Radio die gewohnten Sender. Neue Telefonvorwahlen, Autokennzeichen und Kontonummern waren zu lernen. Hinrich Lehmann-Grube, der 1990 aus Hannover als Oberbürgermeister nach Leipzig kam, erinnert sich noch heute an die Geschichte seiner Sekretärin, einer patenten Frau, die eigentlich alle Fährnisse der Wiedervereinigung meisterte, die er aber eines Morgens schluchzend im Büro antraf. Sie war an einer scheinbaren Kleinigkeit zusammengebrochen, konnte den Unterschied einfach nicht begreifen zwischen Grund-, Sekundar-, Haupt- und Realschule. Sie musste es aber, weil für ihre Tochter eine wichtige Entscheidung anstand.
Die Analogien zwischen Ostdeutschen und Immigranten lassen sich weit treiben: Wie bei Immigranten üblich verloren die Ostdeutschen einen großen Teil ihres Eigentums, im Zuge der Währungsunion wurden die Geldvermögen in der Regel halbiert. Noch härter traf die Ostdeutschen die Entwertung ihres Humankapitals. Sie hatten die falschen Fremdsprachen gelernt (ihr Schulenglisch war schlecht und Russisch allenfalls als Partykuriosität gefragt). Im Umgang mit Gesetzen und Behörden war ihnen jeder auch nur mäßig talentierte Westler überlegen. Viele DDR-Berufsabschlüsse wurden in der Bundesrepublik nicht anerkannt. So mussten viele Ostdeutsche ganz von vorn beginnen. „Humankapital ist unvollständig zwischen Ländern transportierbar“, schreibt die Ökonomin Rachel M. Friedberg in einer Studie über die wirtschaftlichen Benachteiligung von Einwanderern. „Die Übertragbarkeit von Bildung hängt ab von ihrem Niveau. Grundschulbildung ist gleichwertig, fast unabhängig davon, wo sie erworben wurde. Die Herkunft von Hochschulbildung dagegen ist ein entscheidender Faktor für ihren Wert.“ Darüber hinaus büßten die DDR-Bürger über Nacht ihre sozialen Kompetenzen ein, mussten sich an eine andere Etikette, andere Gesten gewöhnen. Sogar ihre Sprache, die im Westen nur scheinbar dieselbe war, mussten die Ostler neu lernen.
Ihnen widerfuhr exakt, was bei Migranten „Kulturschock“ genannt wird: der „plötzliche Wechsel aus einer mehr oder weniger erwartbaren Umgebung in eine fremde und unvorhersagbare“. Der Psychiater A. César Garza-Guerrero hat drei Phasen des (erfolgreichen) Durchlebens eines Kulturschocks beschrieben: Zusammenprall, Reorganisation und Neuidentifikation. Ein Gefühl wie die „Ostalgie“ ist eine typische Phase des Kulturschocks. „Trauer um die zurückgelassene Kultur ist eine Voraussetzung für eine angemessene Verarbeitung des Kulturschocks“, so Garza-Guerrero. „Trauer mit ihrem Festhalten an der Vergangenheit und ihrer Weigerung, die neue Kultur kritiklos zu akzeptieren, erlaubt es, dass ein Prozess von Reorganisation stattfindet. Trauern stellt daher eine gesunde Verzögerung der Vereinigung mit der neuen Kultur da.“ Erst danach, so der Befund, könne sich eine neue Identität bilden.
Wenn sich die Situation von Ostdeutschen und Immigranten gleicht, ist es kein Wunder, dass beide Gruppen ähnlich darauf reagieren. Ein rapider Rückgang der Geburtenrate wie in Ostdeutschland nach 1990 ist ein unter frischen Einwanderern verbreitetes Phänomen. Umfragen unter Immigranten ergeben regelmäßig, dass sie sich mit dem Gastland weniger identifizieren als die Einheimischen – nichts anderes bekunden mehr als 70 Prozent der Ostdeutschen, wenn sie sich als „Bürger zweiter Klasse“ bezeichnen. In einer Studie über Immigranten in Australien beschreibt William Scott, dass Immigranten gern der zwischenmenschlichen Wärme „früher“ nachtrauern – nichts anderes tun viele Ostdeutsche.
Plötzlich erscheint auch das große Rätsel der vergangenen 13 Jahre nicht mehr ganz so rätselhaft: Warum es überhaupt so etwas gibt wie eine ostdeutsche Identität. Diese entstand erst lange nach dem Ende der DDR: Alex aus Good bye, Lenin! wäre es 1990 nie eingefallen, sich als ostdeutsch zu bezeichnen. Auch die Autoren desSozialreports über die Neuen Länder waren 1992 noch nicht auf die Idee gekommen, bei der Frage nach der regionalen Identifikation die Kategorie „Ostdeutschland“ einzuführen. Als sie 1999 danach fragten, fühlten sich 74 Prozent „ziemlich“ oder „stark“ als Ostdeutsche, die Zahl stieg sogar noch auf 80 Prozent im Jahr 2001 – ein typischer Fall von Selbstethnisierung, wie ihn die Migrationsforschung seit langem kennt. Geradezu verblüffend ist es, wie genau sich der Anteil der Ostler, die in Umfragen die DDR zurückwünschen (gut zehn Prozent), mit der Quote der Immigranten deckt, die ihr Abenteuer abbrechen und in die Heimat zurückkehren. William Scott ermittelt unter australischen Einwanderern eine Rückkehrrate von sieben bis zwölf Prozent.
Wie lässt sich – behält man Erfahrungen von und mit Einwanderern im Hinterkopf – die Frage beantworten, was langfristig vom Osten bleibt? Sicher wird die Identifikation mit Ostdeutschland in der zweiten Einwanderergeneration nachlassen, wenig wahrscheinlich ist, dass sie kontinuierlich verblasst und sanft entschwindet. Bei Immigranten findet sich regelmäßig ein backlash: Die erste Generation ist oft „separatistisch“, die zweite relativ assimiliert, die dritte Generation aber „reaffirmativ“. Peter Skerry zitiert in einem Buch über Latinos in den USA den Aphorismus: „Was der Sohn zu vergessen versucht, wünscht der Enkel zu erinnern.“
Was bleibt: Puhdys und Soljanka
Einiges spricht dafür, dass sich soziale Gewohnheiten und Familienstrukturen in Ostdeutschland dauerhaft von denen im Westen unterscheiden werden. Zwar ist inzwischen das durchschnittliche Alter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes fast auf westdeutsches Niveau gestiegen. Aber noch immer gibt es im Osten doppelt so viele alleinerziehende Mütter wie in Westdeutschland, noch immer wollen viel mehr Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen.
Bestimmt werden Ost- und Westdeutsche auch in vielen Jahren in weltanschaulichen Prägungen differieren (übrigens scheint auf diesem Gebiet sich der Westen dem Osten anzugleichen). Atheismus und Kirchenskepsis werden sich über Generationen erhalten. Säkulare Feiern werden bedeutsamer bleiben als im Westen, wichtigstes Beispiel ist die Jugendweihe. Auch lange nach dem Ende der DDR begehen die 8. Klassen der Schulen im Osten noch immer geschlossen diesen Initiationsritus – daran wird sich wenig ändern.
Die Beispiele aus Migrantengemeinschaften lassen zudem erwarten, dass sich ein ostdeutscher kultureller Kosmos erhält. Vieles von dem, was die Harvard Encyclopedia of American Ethnic Groups unter dem Begriff „Folklore“ aufführt, wird im Osten anders bleiben: Arten zu kommunizieren, Flüche, Witze, Rätsel, Geschichten, Lieder, Lebensmittel, Gesundheitspraktiken und so weiter. 15-Jährige, die beim Fall der Mauer gerade geboren waren, spielen heute auf ihren Feten den Puhdys-Klassiker Alt wie ein Baum im Dance-Remix. Als Suppe in Ost-Berliner Kantinen gibt es weiterhin Soljanka. Zum Geburtstag verschenkt man Präsentkörbe, in denen Rotkäppchen-Sekt und Haloren-Kugeln liegen – eine Vorliebe fürs gewohnte Essen, für bekannte Erzeugnisse, wie sie bei allen Immigranten üblich ist. Vielleicht sieht Ostdeutschland in 50 Jahren ja aus, wie die irischen Viertel von Boston. Sie sind durch und durch amerikanisch – und doch unübersehbar anders.
Dies ist die gekürzte und bearbeitete Fassung eines Beitrags zu der Essaysammlung „Das neue Deutschland“ (hrsg. von Tanja Busse und Tobias Dürr), die dieser Tage im Aufbau-Verlag erscheint
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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