In seinem Arbeitszimmer verwahrt Gøsta Esping-Andersen Erinnerungen an die halbe Welt: an den Wänden Zeichnungen aus Afrika, ein Poster aus Florenz, auf dem Tisch Fotos von seiner Frau, die aus Barcelona stammt und von zwei kleinen Jungen, die das Ehepaar im August in Marokko adoptiert hat. Schon bei der Verabredung am Telefon hat Esping-Andersen von den Jungen erzählt. Sie werden mehrsprachig aufwachsen wie er selbst, der Sohn einer schwedischen Pianistin und eines dänischen Weltbank-Angestellten. Als Kind lebte er mit seinen Eltern in Dänemark, in Iran, in Kalifornien und in Syrien. Viel mehr Globalisierung geht nicht. Wegen der Jungen versuche er, möglichst in Spanien zu bleiben, sagt er am Telefon. Nicht so leicht, wenn man linke Parteien und Regierungen, unter anderem in Belgien und Portugal, und nebenher auch noch die Weltbank berät.

Deutschland ist in den Aktivitäten des 56-jährigen Professors erstaunlich lange ein nahezu weißer Fleck geblieben. Ausgerechnet der Mann, der bei deutschen Sozialdemokraten heutzutage so gepriesen wird wie vor ein paar Jahren der britische Ökonom und Blair-Berater Anthony Giddens, konnte lange mit der deutschen Sozialdemokratie so wenig anfangen wie sie mit ihm. Wissenschaftler und Studenten kannten die Thesen des Soziologieprofessors, nicht aber Parteifunktionäre oder Bundestagsabgeordnete. Seine Ideen blieben Stoff für Examensprüfungen, nicht für Parteiprogramme.

Esping-Andersen seinerseits fremdelte mit der SPD. Mitte der Achtziger, zwischen zwei Lehraufträgen in Harvard und Florenz, forschte er für ein Jahr am Wissenschaftszentrum in Berlin und wunderte sich über "die deutsche Linke, die eher grün als links war". Familienthemen galten ihr als spießig, die Demografiediskussion als Gespensterdebatte, die Forderung nach Chancengleichheit als Selbstverständlichkeit mit wenig Konsequenzen für die praktische Politik.

Dass sich das inzwischen schlagartig geändert hat, liegt nicht nur an der veränderten deutschen Reformdebatte und an der Wucht der demografischen Probleme, es liegt vor allem an Olaf Scholz und dessen engsten Mitarbeitern. Der SPD-Generalsekretär verwies ausdrücklich auf Esping-Andersen, als er im Sommer eine Diskussion über die Grundwerte seiner Partei und das sozialdemokratische Gerechtigkeitsverständnis anzettelte. Seitdem fällt der Name regelmäßig, wenn es um sozialdemokratische Sinnsuche geht, und inzwischen haben auch viele andere in der Partei nachgeschlagen und nachgelesen, was der dänische Soziologieprofessor über den Sozialstaat schreibt und denkt. Im Kanzleramt wurde man durch einen Vortrag bei der Londoner Konferenz "Modernes Regieren" im Juli auf ihn aufmerksam, bei der er bessere Bildungspolitik für Kinder im Vorschulalter forderte. Die gealterten Gesellschaften von morgen könnten sich Schulabbrecher oder gar Analphabeten nicht mehr leisten.

Sieht so also die sozialdemokratische Antwort auf die Herausforderungen durch demografische Veränderung und Wachstumskrise aus, steht Esping-Andersen für einen "vierten Weg"? Beim Blick auf einige Schlagzeilen des vorvergangenen Wochenendes konnte man diesen Eindruck haben. Scholz plant radikalen Umbau bei Bildung und Erziehung stand kürzlich in dicken Buchstaben auf der Titelseite einer Sonntagszeitung. Was folgte, las sich wie eine Zusammenfassung der Empfehlungen des dänischen Professors: Ausbau der frühkindlichen Erziehung, Ganztagsbetreuung schon für sehr kleine Kinder, Förderung der Einstellung von Haushaltshilfen, damit Mütter leichter berufstätig sein können. Vor allem der letzte Punkt, der sich auch in einem der Perspektivanträge für den SPD-Parteitag im November findet, ist bemerkenswert. So viel Zeit ist schließlich noch nicht vergangen, seit vor allem Sozialdemokraten gegen das "Dienstmädchenprivileg" wetterten.

Esping-Andersens Hauptthema ist die soziale Mobilität, die Chancengleichheit in der Gesellschaft, deshalb fühlt er sich der Sozialdemokratie verbunden, ohne jemals in einer Partei aktiv gewesen zu sein. Den Deutschen hat er lange vor der Pisa-Studie attestiert, dass gerade sie wenig Chancen für Tüchtige mit dem falschen Elternhaus bieten. In seiner Typologie der Wohlfahrtsstaaten hat er den Deutschen deshalb schon Ende der achtziger Jahre Konservatismus unterstellt – lange bevor das Wort "strukturkonservativ" in Mode kam.

Die Wohlfahrtsstaaten des 20. Jahrhunderts hätten viele ihrer Ziele erreicht, schreibt er in seinem jüngsten Buch Why we need a new welfare state: mehr soziale Sicherheit, eine nivellierte Einkommensverteilung, die Öffnung der Bildungssysteme. In einem Punkt habe sich wenig zum Besseren gewendet. Die Bildungsexpansion habe die Bedeutung sozialer Herkunft für Aufstiegs- und Verdienstchancen kein bisschen verändert. "Die Ironie besteht darin", stellt er fest, "dass in der Wissensgesellschaft Klassen weniger sichtbar, aber umso wichtiger sind."

Rentenpolitik beginnt mit Babys