Die Europäische Union stellt unser herkömmliches Verständnis von einer Nation infrage. Denn sie hebt das Konzept der Einheit von Staatsvolk und Staat auf, das die Grundlage für die moderne europäische Nationalstaatsbildung war. Die EU ist ein übernationales Gebilde aus Nationen, die noch weit davon entfernt sind, zu einer einzigen Nation zu verschmelzen – und die das auch gar nicht wollen.

Die EU ist, staatstheoretisch gesehen, ohne Beispiel: ein Staat ohne einheitliches Staatsvolk, eine Union von Völkern ohne eine gemeinsame Nationalität. Sie ist nicht wie die USA ein melting pot aus Angehörigen verschiedener Nationen, denn die Europäer wollen ja unter dem Dach der EU ihre jeweils angestammte Nationalzugehörigkeit fortbestehen lassen. Das vereinte Europa ist aber auch mehr als nur eine Freihandelszone, haben sich die Mitgliedsstaaten doch auf eine politische und monetäre Union eingelassen und Brüssel zahlreiche staatliche und gesetzgeberische Funktionen übertragen. Demnächst wollen sie sogar unter einer gemeinsamen Verfassung leben.

Euroskeptiker halten diese Anomalie in ihrem Aufbau für einen Geburtsfehler der Europäischen Union. Konservative Kommentatoren wie zum Beispiel der Journalist und Buchautor Konrad Adam sind gar der Meinung, dass die fehlende Einheit von Staatsvolk und Staat die EU geradewegs zur Despotie führen müsse. Denn die bürokratische Zentrale in Brüssel ziehe mehr und mehr Kompetenzen an sich, die nicht durch Volkszustimmung legitimiert seien.

Dieses Denken hat eine lange Tradition. Für die deutsche Staatslehre war der Gedanke einer notwendigen Einheit von Volk und Staat seit jeher zentral. Da bisher kein europäisches Staatsvolk existiert, bei dem von einer Identität von Staat und Volk gesprochen werden könnte, muss in diesem Lichte die Europäische Union als eine gefährliche Fehlkonstruktion erscheinen. Eine solche Diagnose ist jedoch nur schlüssig, wenn man von dem identitätstheoretischen Modell einer Nation – Staat und Staatsvolk sind eins – ausgeht, das seinen Ursprung im deutschen Idealismus hat. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig – und zwar nicht nur auf der Rechten, sondern auch auf der Linken. Während Konservative die Einheit von Volk und Staat als Grundlage einer Nation voraussetzen, taucht dieses identitätsphilosophische Konzept bei linken "Radikaldemokraten" wie Jürgen Habermas in dem Ideal der Einheit von Regierenden und Regierten wieder auf. Beide Varianten haben ihren Ursprung in den staatstheoretischen Auffassungen des deutschen Idealismus, wie sie vor allem von Schelling und Hegel entwickelt wurden. Der Staat bringe den Willen und das Denken des Staatsvolks zur Wirklichkeit, das Staatsvolk werde sich im Staat seiner selbst bewusst. Die Rechtshegelianer sehen das Objekt dieser absoluten Identität im ethnisch und historisch gewachsenen Volk, die Linkshegelianer in der durch Vernunft und Kommunikation hergestellten Diskursgemeinschaft der Verfassungspatrioten.

Doch gibt es noch eine ganz andere Art, das Verhältnis von Volk (beziehungsweise Nation) und Staat zu denken. Das repräsentationstheoretische Modell sieht den Staat als den Handlungsbeauftragten der Bürger an. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob sie geborene oder naturalisierte Bürger sind. Nach dieser Vorstellung ist die Nation eine Art Club, dem man entweder von Geburt an angehört oder in den man von den angestammten Mitgliedern aufgenommen wird. Ein Staatsvolk ist demnach kein autonomes Subjekt im Sinne Kants, nach dessen Auffassung der Einzelne, wenn er dem kategorischen Imperativ folgt, seine Autonomie in der Selbstgesetzgebung verwirklicht. Die Gesetzgebung des Staates ist dagegen nicht Selbstgesetzgebung des Staatsvolks. Der Bürger als Teil des Volkes kann nicht Adressat und Autor der Gesetze zugleich sein, denn sie werden durch die Parlamentsmehrheit und nicht durch Einstimmigkeit festgelegt. Der Gesetzgeber und der Adressat der Gesetzgebung, von dem der Gesetzgeber zuvor seinen Auftrag erhalten hat, werden nie eins. Denn die Organe des Parlaments und der Regierung vertreten den Souverän, das Volk, sie sind nicht das Volk. Das ist in einem nach dem Prinzip der repräsentativen Demokratie organisierten Nationalstaat nicht grundsätzlich anders als in einer supranationalen politischen Union.

Für dieses repräsentative Modell stellt sich allerdings das Problem, wie die Grenzen einer solchen – politisch und nicht identitär verfassten – Gemeinschaft zu bestimmen sind. Wer ist stimmberechtigt, was konstituiert den Bürger eines Gemeinwesens, warum werden Bürger anderer Staaten ausgeschlossen? Auch um dieses Problem zu lösen und die Eigenart einer politischen Union zu beschreiben, eignet sich die Metapher des Clubs. Die Güter eines Clubs sind ein Mittelding zwischen den öffentlichen Gütern, die allen zur Verfügung stehen, und den privaten Gütern, an denen private Eigentumsrechte bestehen und von deren Nutzung die Nichteigentümer ausgeschlossen werden können. Clubgüter stehen allen Clubmitgliedern ohne Unterschied zur Verfügung, Nichtmitglieder sind jedoch nicht zu ihrer Nutzung befugt. Entsprechend können die politischen Mitwirkungsrechte und die Schutzrechte, welche die Nation ebenso wie eine politische Union ihren im Inland und im Ausland lebenden Bürgern zusichert, keinem Staatsbürger verwehrt werden, während dies gegenüber Nichtstaatsbürgern möglich ist.

Die politische Union ist jedoch ein Club der besonderen Art, nämlich einer, dessen Mitgliedsrechte man allein durch Geburt erwerben kann. Die Geburt begründet die erste naturrechtliche Verpflichtung und Solidarität des Staates und der Nation, die Verpflichtung auf den Schutz ihrer "natürlichen Mitglieder". Darüber hinaus kann dieser Club jedoch noch weitere Mitglieder aufnehmen, allerdings unter zwei Bedingungen: Erstens müssen die Neumitglieder die Verfassung (als "Clubsatzung") anerkennen, und zweitens benötigen sie zu ihrer Aufnahme die Zustimmung der Clubmitglieder. Auf die Nation übertragen, bedeutet das: Die Verfassungsgrundsätze zu akzeptieren genügt nicht, um als vollwertiger Bürger zugelassen zu werden. Selbst "klassische" Verfassungsnationen wie die USA machen die Aufnahme von Neubürgern nicht nur von deren Zustimmung zur Konstitution abhängig, sondern auch von der Frage, inwieweit ihr Beitritt den bereits vorhandenen "Clubmitgliedern" nutzen oder schaden könnte. So werden zum Beispiel auch ökonomische und soziale Kriterien angelegt. Das Verständnis der Nation und der politischen Union als eines Clubs ist also nur sinnvoll, wenn man sich nicht zu der idealistischen Vorstellung versteigt, die Mitgliedschaft in einer Nation hänge ausschließlich von dem diskursiv-rationalen Kriterium der Zustimmung zur Verfassung, also zur "Clubsatzung", ab.