Brüssel

Sonnenschein liegt über Salzburg an jenem Augusttag. Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und der finnische Ministerpräsident Matti Vanhanen sommerfrischeln auf den Salzburger Festspielen. Doch ihr Tête-à-tête gilt nicht nur der Musik, sondern auch einer Intrige. Sie planen den Aufstand der Kleinen. Wenn ab dem 4. Oktober die Regierungschefs der EU um den Verfassungsentwurf ringen, sollen, da sind sich die beiden Herren einig, die kleinen Staaten der Gemeinschaft geschlossen ins Gefecht ziehen. Doch weil zwei im Kreis von 25 Mitgliedsstaaten noch ein bisserl wenig sind, lädt der Österreicher für Anfang September mit den Tschechen 15 Delegationen nach Prag. Mit Erfolg. Vergangene Woche steckten im New Yorker Glaspalast der Vereinten Nationen schon 18 Minister aus kleinen EU-Ländern und -Kandidaten die Köpfe zusammen. Das Wort vom "Block der Gleichgesinnten" macht die Runde, die österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner führt das Wort, schließlich will sie daheim Bundespräsidentin werden. Ihr Brüsseler Botschafter und möglicher Nachfolger Gregor Woschnagg sekundiert ihr gegenüber den Medien: "Wir sind wie Schlagobers. Je mehr die Großen uns schlagen, desto härter werden wir."

Die so genannten Gleichgesinnten fordern "Gleichberechtigung". Sie sehen sich beim Verfassungsentwurf von den großen Nationen schnöde behandelt, auch wenn ihre Vertreter bei den Verhandlungen allzeit präsent waren. Ab Samstag soll sich das auf der Regierungskonferenz in Rom ändern, dort werden die Staats- und Regierungschefs der EU den Text noch einmal überarbeiten. Schon jetzt erwarten viele ein Hauen und Stechen. Denn die Revolte der Kleinen stellt die Machtfrage in Europa neu.

Bloß keine "Pakete" aufschnüren!

Klein gegen Groß, die Fronten scheinen klar und die Rädelsführer auch. Wurde Österreich auf dem kurzen Weg von Salzburg nach Rom zum selbst ernannten Sprachrohr der Kleinen, so machte sich Deutschland in den vergangenen Wochen zum lauten Vordenker der Großen. Den ganzen Sommer tingelte Außenminister Joschka Fischer durch die Hauptstädte und mahnte, wer "das Paket" des Entwurfs nochmals "aufschnüre", müsse wissen, wie er es wieder zusammengebunden bekäme. Der Entwurf sei nicht der beste, aber doch der bestmögliche Kompromiss zwischen Europäern unterschiedlichster Couleur und Tradition. "Wie die Bibel hat er das sakrosankte Werk angepriesen", schimpft der Botschafter eines südeuropäischen Staates. Und fragt: "Was ist denn das für ein Demokratieverständnis?"

Doch es geht noch schlimmer. Als wollten sie die Antwort auf die Gleichgesinnten nicht schuldig bleiben, trafen sich vor zehn Tagen in Berlin Jacques Chirac, Tony Blair und Gerhard Schröder, im Jargon die "Großen Drei " genannt, zum Kaffee.Für viele Kleine ist das nur die Fortsetzung der deutsch-französischen Allianz, unter der sie in jüngster Zeit schwer gelitten haben. Noch ist es kein Jahr her, da schmiedeten Chirac und Schröder mit einem Kompromiss bei den EU-Agrarausgaben ihr Bündnis neu – auf Kosten der Reformfreunde. Kurz darauf wurde der 40.Jahrestag des Elysée-Vertrags gefeiert, zu zweit nur, doch vor aller Augen.Und dann erst der Alleingang der beiden in Sachen Irak. "Schön und gut,die beiden können endlich wieder miteinander ", kommentiert rückblickend ein nordischer Diplomat in Brüssel. "Aber müssen alle anderen dafür bezahlen, wenn Schröder und Chirac das Geschirr wegfegen, das sie in den Jahren zuvor selbst zerschlagen haben?"

Damit nicht genug der Klage über die Deutschen. Drohend sei Joschka Fischer unlängst beim Außenministertreffen am Gardasee aufgetreten, so empfanden es viele in der Gruppe der Gleichgesinnten: Er habe den Erfolg der Regierungskonferenz verknüpft mit deutschem Wohlwollen bei den Verhandlungen um die künftigen EU-Finanzen, die 2005 beginnen. Fischer wehrt sich gegen den Vorwurf und vermag ihn doch nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Unter seinen Kollegen weiß nun jeder, dass die Kleinen die Machtfrage nicht ungestraft stellen und, wie der Bundesaußenminister in Erinnerung rief, "in der Gemeinschaft halt alles mit allem zusammenhängt".