Eine Debatte, ob ältere Menschen noch künstliche Hüftgelenke bekommen sollen, wie sie in Deutschland vor kurzem entbrannte, ist für Jean-Luc Vieilleribiere unvorstellbar. Die Finanzprobleme mögen noch so groß sein, aber der Finanzexperte im Pariser Gesundheitsministerium erklärt: "Eine Beschränkung der Versorgungsleistungen für ältere Patienten steht derzeit nicht auf unserer Tagesordnung." DER GRÖSSTE KOSTENFAKTOR sind in Frankreich die Hospitäler

Das ist nach dem Massensterben älterer Menschen während der Hitzewelle im August auch nicht verwunderlich. Einen grausameren Auftakt hätte die seit einem Jahr angekündigte Reform des französischen Gesundheitswesens nicht haben können. Kurz bevor Gesundheitsminister Jean-François Mattei vergangene Woche seine Pläne vorlegte, wie er die Milliardenlöcher in der Krankenversicherung stopfen will, waren insgesamt 14802 überwiegend ältere Franzosen durch die Gluthitze gestorben – mehrheitlich aufgrund des Personalmangels in der Altenpflege, der sich im nationalen Ferienmonat zur Katastrophe auswuchs.

Dieser Schlag traf Frankreich, das sich des besten Gesundheitssystems der Welt rühmt, völlig unvorbereitet – wie zuvor bereits die Nachricht vom historisch einmaligen Defizit der Krankenkassen, denen in diesem Jahr 10,3 Milliarden und 2004 voraussichtlich 14 Milliarden Euro fehlen werde.

"Noch zwischen 1999 und 2001," erklärt Jean-Luc Vieilleribiere, "haben wir bis zu einer Milliarde Euro jährlich Überschuss erwirtschaftet, die dem Staatshaushalt zugute kamen." Auf seinem Schreibtisch liegt der gerade fertig gestellte Bericht der Finanzkommission zur Sozialen Sicherheit (CCSS), der auf 300 Seiten die finanziellen Schwachstellen der französischen Gesundheitspolitik analysiert. Aber: Das größte Versäumnis des Ministeriums steckt darin, dass es vor wenigen Jahren noch die Beiträge und Leistungen auf der Basis optimistischer Annahmen – eines Wirtschaftswachstums von 2,5 Prozent und einer Beschäftigungszunahme von 4,1 Prozent – einfach fortgeschrieben hatte.

Auch diesmal gibt man sich im Gesundheitsministerium überzeugt, dass das Defizit bis zum Jahr 2007 überwunden werde – und prominente Wissenschaftler pflichten bei. "Es ist der Fehler der Schwarzmaler, Konjunkturschwächen für strukturelle Defizite zu halten," rechtfertigt Elie Cohen, Forschungsdirektor an der Elitehochschule Sciences Po, das Beharrungsvermögen der Politiker. "Mit der gleichen Politik wie heute haben wir in den neunziger Jahren das europaweit höchste Wirtschaftswachstum gehabt." Deshalb enthalten Minister Matteis Sparpläne auch keine langfristigen Strategien, sondern nur eilige Notmaßnahmen, die maximal drei Milliarden Euro einsparen sollen. Das 1945 geschaffene zweistufige System der sozialen Pflichtversicherung für jeden Franzosen – eines der teuersten Europas – bleibt weiterhin fest in staatlicher Hand.

Frankreichs Arbeitnehmer müssen 22 Prozent von ihren Bruttolöhnen und die Arbeitgeber noch einmal zusätzlich 45 Prozent an die allgemeine Vorsorgekasse, die Sécu, abführen, die alle Risiken einschließlich der Altersversorgung abdeckt. Darin sind auch die Krankenkassenbeiträge enthalten, durch die jeder Patient Anspruch auf die Erstattung von etwa 75 Prozent der wichtigsten Leistungen hat. Für den ungedeckten Rest hat nahezu jeder Franzose eine Zusatzversicherung bei Genossenschaftsvereinen auf Gegenseitigkeit abgeschlossen.

Private Krankenversicherungsunternehmen, die gerade einmal 2,4 Prozent der Ausgaben bestreiten, fristen in Frankreich ein Schattendasein. So klagt Gérard de la Martinière vom Verband der Privatversicherungen: "Wir sind blinde Zahler und müssen alle Verträge ohne Gesundheitsprüfung, ohne Tarifabstufung und deshalb ohne Auswahlmöglichkeiten schließen." Die Kollektiversorgung lasse der individuellen Wahl keinen Raum.

Die bisher einzige grundlegende Reform, die an die in Deutschland diskutierten Bürgerversicherung erinnert, brachte 1991 die Einführung einer Sozialsteuer, der Contribution Sociale Généralisée (CSG), die heute in einer Höhe von acht Prozent auf sämtliche Einkommensarten erhoben wird und die auch den Anstieg der Krankenkassenbeiträge etwas gebremst hat.