Grau, grau, grau sind alle unsre Schläfen. "Gerdgrau" wollen wir die Farbe nennen, zu Ehren unseres Bundeskanzlers. Denn nichts an seinem Haar ist grau. Und nichts gefärbt. Sein ist die Farbe, die aus den Tiefen seines Hirns durch die Kopfhaut hinauswächst ans deutsche Licht. Sein ist auch das ungefärbte, das allernatürlichste Lachen, das sich hinausbleckt ins Nationalplenum. Unser aber sind das Grau und die Trauer. Die Farbe und das Lachen hat Gerd aufgebraucht. Es war die schönste Zeit.

Nun aber höret: Aktenzeichen 1 BvR 2243/02 ist gelöst. Das Bundesverfassungsgericht hat den gordischen Kanzler-Haarfärbeknoten letztinstanzlich durchschlagen. Nie hätte die Nachrichtenagentur ddp den folgenden Satz einer Imageberaterin über den Kanzler verbreiten dürfen: "Es käme seiner Überzeugungskraft zugute, wenn er sich die grauen Schläfen nicht wegtönen würde." Vor die Verbreitung solcher Sätze hat Karlsruhe nun die Anfrage im Kanzleramt geschaltet, wo dann über die Wahrheit entschieden wird, Haar für Haar. Wer die Irrtümer anderer über den Kanzler verbreitet, verletzt seine journalistische Sorgfaltspflicht, seine Staatsbürgerpflicht, Schaden abzuwenden vom Kanzler, der Schaden von uns allen abzuwenden sich verpflichtet hat und dem daher die volle Definitionsherrschaft über seinen Haarschopf zusteht.

Deutschland braucht nun eine neue Interviewkultur. Ein Beispiel. Stellen wir uns vor, Jürgen "Oldie-WG" Peters sagt: "Dem Hartz-Papier sieht man die eingewachsenen Zehennägel des Kanzlers an." Das darf man doch nicht einfach drucken! Da muss der Redakteur in Berlin anrufen und nachfragen: "Hat der Bundeskanzler eingewachsene Zehennägel?" Gleich rennt ein Referent ins Kanzlerzimmer. Dem ersten Angestellten des Staates zieht die Frage echt die Schuhe aus, und schon liegt die Wahrheit auf dem Tisch. Wie aber steht es mit weiter Hergeholtem? Etwa: "Der Kanzler muss seinen Reformen Viagra geben, damit sie stehen!" Muss man dann auch vorher nachfragen, ob’s stimmt? Oder ist das einfach ehrverletzend, aber vom Grundrecht auf freie Meinungsäußerung gerade noch gedeckt?

Ach, Schluss mit den Haarspaltereien! Entscheidend ist: Der Bundeskanzler hat der deutschen Haarfärbewirtschaft Schaden zugefügt. Anstatt uns die naturblonden Haare auf den Zähnen zu zeigen und Werbung zu machen für darbende mittelständische deutsche Haarfärbeunternehmen, rief er den Rechtsanwalt. Finis