Paris

Man hatte eigentlich eine Versöhnungsreise erwartet, in deren Verlauf der französische Staatspräsident das Zerwürfnis mit den Amerikanern beilegt. Doch statt in Leisetreterei übte sich Jacques Chirac auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen vorvergangene Woche in New York erneut als Agent provocateur, der den Streit um den Irak-Krieg auf eine höhere Ebene katapulierte. Frankreich will die Krise zum Hebel einer umfassenden UN-Reform machen – ein Vorhaben, an dem sich schon viele die Zähne ausgebissen haben.

Im Zentrum steht dabei der Konflikt um die Erweiterung des Sicherheitsrates, für den Chirac bereits seine Wunschkandidaten benennt: Japan, Deutschland sowie weitere große Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Das hatten zu Beginn der neunziger Jahre die Amerikaner auch schon einmal erwogen. In der Tat hat es eine Weltorganisation, die seit ihrer Gründung von 50 auf 191 Staaten angewachsen ist, schwer, auf die neuen geopolitischen Herausforderungen zu reagieren. Vor allem repräsentiert der von der Nachkriegsordnung geprägte Sicherheitsrat mit seinen fünf ständigen Mitgliedern mit Vetorecht (China, Russland, USA, Frankreich, England) nicht mehr ganz die reale globale Machtverteilung. Doch alle Vorschläge, das Gremium neu zu besetzen, lösten bisher immer die gleichen Reaktionen aus: Wenn die Rede auf Deutschland kommt, meutern die Italiener, wenn Brasilien Ansprüche erhebt, steht Argentinien Kopf – und die Amerikaner empfinden schon seit längerem den gesamten Apparat als Klotz am Bein.

Auffällig ist jedoch, dass Präsident Chirac in New York ähnliche Worte wählte wie sein Vorredner Kofi Annan, als hätten sie sich abgesprochen. Beide sprachen von einem radikalen Umbau, beide plädierten für neue Kandidaten, um das Vertrauen der Staaten in die UN zu stärken, und beide forderten ein neues Weltwirtschaftsgremium. Mit ihm sollen die UN nicht mehr nur Krisenintervention und humanitäre Hilfe, sondern auch vorausschauende ökonomische Entwicklungspolitik betreiben. Die Generalprobe für diesen neuen Rat fand bereits im Juni in Evian am Genfer See statt. Dort hatte Präsident Chirac den G-8-Gipfel um zwölf Teilnehmer – darunter Südafrika, Nigeria, Indien, Brasilien, Malaysia – erweitert, um dem viel kritisierten "Club der Reichen" größere Legitimität zu verschaffen.

Der Umbau des Sicherheitsrates indes steht noch vor gigantischen Hürden. Notwendig ist die Zustimmung aller ständigen Mitglieder sowie der UN-Vollversammlung und obendrein der Parlamente aller Staaten. Auch haben weder Annan noch Chirac sich festlegen wollen, ob die Neuen mit vollem Vetorecht ausgestattet werden sollen. Vor allem Moskau zeigt wenig Bereitschaft, das eigene Stimmgewicht zu verringern. Präsident Wladimir Putin ließ jüngst im Gespräch mit George W. Bush vernehmen, er halte nichts von einer allzu schnellen Reform. Und Frankreich muss noch beweisen, dass es die UN nicht nur stärken will, um die USA zu schwächen. Nach den jüngsten Schmähungen aus Amerika (Frankreich sei nicht mehr bloß Rivale, sondern ein offener Feind, weil es angeblich das Scheitern der USA im Irak wünsche) hätten die Franzosen gleichwohl allen Grund, verärgert zu sein.

Chirac beteuerte in New York: "In einer offenen Welt kann sich niemand isolieren oder allein im Namen der anderen handeln." Allein der Multilateralismus sichere die "Beteiligung aller an der Führung der Weltpolitik". Das ändert nichts daran, dass sein Land immer wieder gegen den Verdacht vorgehen muss, die UN als Machtinstrument zu benutzen, um trotz der eigenen Schwäche weiter im Kreis der Großen mitzusprechen. Einem respektlosen Scherz unter UN-Diplomaten zufolge ist Frankreich im Sicherheitsrat wie ein Reisender mit Economy-Ticket, der unbedingt in der Business-Klasse mitfliegen will.

Thierry de Montbrial von der Denkfabrik IFRI, einer der regierungsunabhängigen Vordenker der Außenpolitik in Paris, findet das absurd. Heute seien die meisten Staaten geschwächt, nicht nur die Europäer. Immerhin sei Frankreich das erste ständige Mitglied im Sicherheitsrat, das offensiv eine solche Reform anstoße – für die es einen hohen Preis zu zahlen bereit sei: die Preisgabe seiner bisherigen Ausnahmestellung als Mittelmacht neben den Großen.

Und während Präsident Bush äußerst kühl von der UN-Vollversammlung empfangen wurde, erhielt Chirac in New York großen Beifall – gleichsam als Fürsprecher der Holzklasse, die zunehmend auf das Recht pocht, endlich auch einmal nach vorn zu kommen.