Zwei Meldungen aus der vergangenen Woche, die zusammenzupassen scheinen: International werden 38 Kinderporno-Ringe mit über 26000 Verdächtigen ausgehoben. Und Microsoft schließt die Chaträume seines Online-Dienstes MSN mit der Begründung, Kinder und Jugendliche würden dort allzu leicht Opfer von Pädophilen. Der Softwarekonzern stellt sich so als Hüter der öffentlichen Moral dar – und sagt damit nur die halbe Wahrheit.

Es stimmt, dass Chaträume und Foren im Internet zwielichtige Gestalten anlocken wie das Licht die Motten. Man muss sich nur einmal in die Online-Foren der politischen Parteien oder von Publikationen wie dem Spiegel, Focus, aber auch der ZEIT begeben, um zu sehen: Hier ist das Abseitige deutlich überrepräsentiert. Menschen, die in den klassischen Medien niemals zu Wort gekommen wären, finden hier ihr Publikum. Das ist Speakers Corner in Permanenz – mit dem Unterschied, dass der Speaker aus dem Schutz der Anonymität heraus völlig ungehemmt agieren kann.

Es stimmt auch, dass Pädophile das Netz nicht nur zum Austausch von Fotos und Filmen nutzen, sondern auch, um sich an Kinder und Jugendliche heranzumachen. Das passiert viel seltener, als Sensationsberichte vielleicht glauben machen, aber das Phänomen ist nicht zu leugnen, es ist ernst zu nehmen. Deshalb ist es wichtig, Kindern von klein an einzuschärfen, im Netz niemandem ihren Namen und ihre Adresse zu verraten und sich nicht mit Unbekannten im "realen Leben" zu verabreden. Die neuen sozialen Regeln des Netzes müssen früh eingeübt werden.

Der Charakter von Chats und Foren liegt irgendwo zwischen dem der Privatheit des Telefongesprächs und der Öffentlichkeit einer Zeitung. Als Regel für den Umgang damit gilt: Äußerungen, die nicht nur ein Gesprächspartner, sondern – wie in einem Chatroom – beliebig viele lesen können, sind eine Veröffentlichung. Damit ist der Betreiber für die schnell dahingetippten Kommentare seiner Besucher verantwortlich. Langsam setzt sich deshalb bei den Internet-Anbietern die Einsicht durch, dass sie ihre Online-Angebote im Auge behalten müssen, etwa mithilfe von Moderatoren. Manche beschränken auch den Zugang auf namentlich bekannte Nutzer. Für diese Kontrollmaßnahmen muss man Geld ausgeben, und das in einer Nische, die für Werbetreibende nicht besonders interessant ist. Die MSN-Chats waren aber bis zuletzt unmoderiert – und offenbar hat Microsoft die Investition in ein höherwertiges, gut betreutes Medium gescheut.

Natürlich ist niemand gezwungen, den vielen Namenlosen, die sich bemerkbar machen wollen, ein öffentliches Forum zu bieten – weder ein Online-Dienst wie MSN noch Publikationen wie die ZEIT. Deshalb ist Microsofts Entscheidung, die Chaträume zuzumachen, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht zu kritisieren. Als Beitrag zur moralischen Rettung der Gesellschaft sollte die Firma ihre Entscheidung jedoch nicht verkaufen.