Film Nichts wollen, können, brauchen

Leander Haußmanns tapsige Literaturverfilmung „Herr Lehmann“

In gewisser Hinsicht ist Herr Lehmann ein Verlierer. Ein Tagedieb, ein Taugenichts. Er steht in Kreuzberger Kneipen hinter dem Tresen und schwindelt den Eltern vor, er sei Geschäftsführer eines Restaurants. Herr Lehmann, gerade dreißig geworden, gehört zu den jungen Leuten aus der westdeutschen Provinz, die in den achtziger Jahren nach Berlin kamen, vorgeblich, um zu studieren, in Wahrheit, um der Leistungsgesellschaft zu entgehen. Herr Lehmann kann nichts, will nichts, aber er braucht auch nichts. Darum ist er in anderer Hinsicht ein Gewinner. Er hat das Wünschen besiegt und das Leben erobert.

Christian Ulmen als Frank Lehmann

Christian Ulmen als Frank Lehmann

Die Literaturkritiker, die mit namenloser Verwunderung auf Sven Regeners Kreuzberger Schelmenroman Herr Lehmann reagierten, haben seine Hauptfigur einen geistigen Frührentner genannt. Das ist falsch. Herr Lehmann ist geistig außerordentlich rege. Er verdient sogar seinen Lebensunterhalt. Aber er hat darüber hinaus nichts vor, er hat nicht einmal einen blassen Schimmer von dem, was andere, im tüchtigen Westdeutschland zumal, ihren Lebensinhalt nennen. In einem der inzwischen schon berühmten Dialoge des Romans bezweifelt er rundheraus sogar den Sinn des Begriffes. Ist denn, fragt Herr Lehmann, das Leben ein Gefäß, eine Flasche oder Vase etwa, in das ein Inhalt zu füllen sei? Am Ende, schließt Herr Lehmann, ist das, was hinter dem Tresen ausgeschenkt wird, der einzig denkbare Inhalt, der sich in ein Leben gießen lässt.

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Von solcher Art sind die Gespräche und Überlegungen des Buches, das der Popmusiker Sven Regener (Element of Crime) seiner eigenen Kreuzberger Jugendzeit gewidmet hat. Es ist ein großartiges Buch, ein anachronistisches Denkmal stoizistischer Philosophie in unserer Gegenwart, und man versteht auch sofort, warum der Ostberliner Theaterregisseur Leander Haußmann es gern verfilmen wollte. Denn das alte West-Berlin ist untergegangen wie die DDR. Herrn Lehmanns Kreuzberg ist das westliche Pendant zu der Ost-Berliner Sonnenallee, und Herr Haußmann dachte nun wohl, man müsse seine ehemaligen (und tragischerweise noch heutigen) Bewohner über den Verlust mit heiteren Späßen trösten.

Das war ein Irrtum. Nichts ist den Kreuzbergern ferner gerückt als das Kreuzberger Milieu der achtziger Jahre. Es lebt nicht in nostalgisch trotzigen Erinnerungen fort wie die DDR für die Ostdeutschen. Wer aus dem Schlendrian wieder herausgefunden hat, will nichts mehr davon wissen. Wer nicht herausgefunden hat, lebt höchstens noch als Obdachloser. Wer aber niemals in den Schlendrian hineingefunden hat, wer überhaupt das alte West-Berlin vor der Wende nicht erlebt hat, hat auch niemals erfahren, was es wirklich heißt, eine ruhige Kugel zu schieben.

Darum ist Regeners Buch kein Zeugnis der Nostalgie. Es ist eher eine Provokation. Es ist auch nicht eigentlich historisch, sondern utopisch. Es gibt in Herrn Lehmanns Existenz, trotz aller Niederlagen und bloß hinterhergeschickten Schlaumeiereien, so etwas wie echte Weisheit und einen Vorschein des richtigen Lebens, jenseits der künstlichen Zweckbestimmungen künstlicher Tüchtigkeit. Frank Lehmann lebt wie Wasser fließt.

Die Dezenz der Dummen

Davon kann in dem Film nicht die Rede sein. Der Film besteht aus lauter Szenen, aus nachdrücklichen, aufgeregten, dramatischen, bedeutsamen Szenen. Das eigentlich Epische, das Vergehen und Vertun von Zeit, das Lehmanneske Erdulden und Hinnehmen, das philosophische Ausweichen vor dem Dramatischen ist dem Dramatiker Haußmann, fast möchte man sagen: naturgemäß fremd. Das Drehbuch wirkt, als sei es für die Drehbühne geschrieben; rascher Wechsel, breit ausgespielte Höhepunkte. Die Schauspieler fuchteln, schreien, alterieren sich, wo die Romanfiguren still bei sich selber bleiben. Das heißt nicht, dass es dem Buch an Grotesken mangelte, sie werden dort aber gerade nicht ausgestellt, sie ereignen sich allein schon dadurch, dass die Personen auf groteske Weise das für sie Typische tun. Monströs ist bei Regener der Mensch schon durch unbewusste Treue zum Selbst.

Mag sein, dass dieses still schreiend Individuelle auf dem Theater schwer zu erzeugen ist; im Film aber lässt es sich im Prinzip ähnlich unaufwändig herstellen wie in der Literatur. Nichts ist filmischer als das Lakonische, das Unausgesprochene, das wie unbemerkt Geschehende. Davon leider hat Haußmann nicht die geringste Ahnung; er macht Kabarett, wo es darauf ankäme, die Pointe zu verschweigen. Vor allem aber kann er Zeit nicht organisieren; bei ihm ist wie auf dem Theater alles unmittelbare Gegenwart, während der Kreuzberger Schlendrian ja gerade keine genutzte Gegenwart, sondern nur verstreichende Gelegenheiten kannte. In Kreuzberg (und in Regeners Roman) hat man dem Leben immer nachgeblickt wie den Schienen aus dem letzten Waggon des enteilenden Zuges. Der Regisseur Haußmann aber blickt wild schnaubend wie die Lokomotive dem Lebensweg entgegen. Das ist ganz unkreuzbergerisch, es ist in gewisser Weise genau die Perspektive, die Lehmanns Eltern für ihren Sohn so schwer erträglich macht.

Man muss daher leider die Diagnose stellen: Leander Haußmann kommt zu Besuch in Lehmanns Welt ungefähr so, wie Lehmanns Eltern in dem Roman zu Besuch kommen: laut, taktlos, störend, unweise, gutmütig. Der tapsige, im Verhältnis zum Kreuzberger Milieu gewissermaßen westdeutsch auftretende Regisseur hat Regeners stoizistische Botschaft in ihr gut gelauntes Gegenteil verwandelt, und das beginnt schon mit der Auswahl des Hauptdarstellers (Christian Ulmen), eines glatten, gut aussehenden Bürschchens, das von dem originalen Herrn Lehmann nur das Naseweise hat, aber keine echte Melancholie noch echte Indolenz kennt.

Ermutigender hätte die Besetzung der schönen Köchin (Katja Danowski) ausgehen können, dieses patzige, schnippische, dickmadamhafte Küchenwesen hätte zur Erschütterung Lehmanns getaugt, wenn Haußmann sie nicht wiederum so grell in die Kamera hätte hineinagieren lassen. Wirklich kongenial und authentisch ist nur der tragische Kellner-Künstler Karl (Detlev Buck), mit seiner empfindsamen Leibesfülle das Gegenteil der Köchin. Karl ist der Kreuzberger, der für seine Taugenichts-Existenz, anders als Herr Lehmann, eine Ausrede braucht: Das ist die Kunst, die ihn nicht ernährt, ihm aber einen Lebensinhalt gibt. Wie Detlev Buck diese umflorte, immer flüchtige, nämlich vor dem künstlerischen Erfolg flüchtende Gestalt gibt, das ist einen Besuch des Filmes wert. Hätte Karl Erfolg, wäre die Ausrede weg, ohne Ausrede wäre die Rumtreiberei zu Ende, also durfte Erfolg nicht sein. Ich schwöre, dass dieser Künstler so, genauso, bis in die letzte Geste und das letzte besinnungslos konsumierte Becks-Bier hinein in Kreuzberg gelebt hat, und zwar in mehreren Dutzend Exemplaren.

Und noch etwas versöhnt mit dem ahnungslosen Filmchen: seine Ahnungslosigkeit. Dass er die Dezenz der Dummen hat, ein Rätsel auf sich beruhen zu lassen. Der Herr Haußmann, auf seinem tapsigen Filmkamel, zieht an der Kreuzberger Sphinx vorüber und versucht nicht zu begreifen, was ihm nur fatal erschienen wäre. Denn die Kreuzberger Leistungsverweigerung hatte das moralisch und gesellschaftlich Anstößige aller echten Weisheit.

 
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