Film Nichts wollen, können, brauchenSeite 2/2
Man muss daher leider die Diagnose stellen: Leander Haußmann kommt zu Besuch in Lehmanns Welt ungefähr so, wie Lehmanns Eltern in dem Roman zu Besuch kommen: laut, taktlos, störend, unweise, gutmütig. Der tapsige, im Verhältnis zum Kreuzberger Milieu gewissermaßen westdeutsch auftretende Regisseur hat Regeners stoizistische Botschaft in ihr gut gelauntes Gegenteil verwandelt, und das beginnt schon mit der Auswahl des Hauptdarstellers (Christian Ulmen), eines glatten, gut aussehenden Bürschchens, das von dem originalen Herrn Lehmann nur das Naseweise hat, aber keine echte Melancholie noch echte Indolenz kennt.
Ermutigender hätte die Besetzung der schönen Köchin (Katja Danowski) ausgehen können, dieses patzige, schnippische, dickmadamhafte Küchenwesen hätte zur Erschütterung Lehmanns getaugt, wenn Haußmann sie nicht wiederum so grell in die Kamera hätte hineinagieren lassen. Wirklich kongenial und authentisch ist nur der tragische Kellner-Künstler Karl (Detlev Buck), mit seiner empfindsamen Leibesfülle das Gegenteil der Köchin. Karl ist der Kreuzberger, der für seine Taugenichts-Existenz, anders als Herr Lehmann, eine Ausrede braucht: Das ist die Kunst, die ihn nicht ernährt, ihm aber einen Lebensinhalt gibt. Wie Detlev Buck diese umflorte, immer flüchtige, nämlich vor dem künstlerischen Erfolg flüchtende Gestalt gibt, das ist einen Besuch des Filmes wert. Hätte Karl Erfolg, wäre die Ausrede weg, ohne Ausrede wäre die Rumtreiberei zu Ende, also durfte Erfolg nicht sein. Ich schwöre, dass dieser Künstler so, genauso, bis in die letzte Geste und das letzte besinnungslos konsumierte Becks-Bier hinein in Kreuzberg gelebt hat, und zwar in mehreren Dutzend Exemplaren.
Und noch etwas versöhnt mit dem ahnungslosen Filmchen: seine Ahnungslosigkeit. Dass er die Dezenz der Dummen hat, ein Rätsel auf sich beruhen zu lassen. Der Herr Haußmann, auf seinem tapsigen Filmkamel, zieht an der Kreuzberger Sphinx vorüber und versucht nicht zu begreifen, was ihm nur fatal erschienen wäre. Denn die Kreuzberger Leistungsverweigerung hatte das moralisch und gesellschaftlich Anstößige aller echten Weisheit.
- Datum 02.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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