Aussteigen konnte niemand. Den Showdown zur "Operation Sichere Zukunft" hatte Roland Koch vorsichtshalber in den Erste-Klasse-Wagen eines rollenden Zuges verlegt. Als der hessische Ministerpräsident im Morgengrauen des 15. September mit dem gesamten Kabinett in Frankfurt den Intercityexpress zu einer Dienstreise bestieg, herrschte anfangs, so ein Teilnehmer, eine Stimmung wie auf einer Klassenfahrt. Das gab sich. Als die Reise kurz nach neun Uhr in Göttingen endete, hatten die Minister ein hartes Stück Arbeit geleistet und den Entwurf für den Landeshaushalt 2004 mal eben um 127 Millionen Euro gekürzt.

Zwei Wochen zuvor war von Koch der Ukas ergangen, im Haushalt des nächsten Jahres eine Milliarde Euro zu streichen – das größte Sparpaket in der Geschichte Hessens. Substanzielle Beträge erwartete der Ministerpräsident durch den Verkauf von Landesvermögen (375 Millionen Euro), den Abbau von gut 10000 Stellen, einen Einstellungsstopp in der Verwaltung (130 Millionen) und Einkommensverzichte der Landesbediensteten (140 Millionen). Auch die Zuweisungen des Landes an Kommunen und Kreise sollten um ein Drittel gekürzt werden. Auf der Klassenfahrt im ICE sollten die Ressorts ihre Streichlisten präsentieren.

Der Sparschlag war eine starke Leistung in politischer Taktik. Mit fast diebischer Freude erinnern sich Martin Worms und Dirk Metz daran, wie sie schon im Sommer wochenlang im kleinen Team unter strikter Geheimhaltung in der Staatskanzlei zusammengehockt hatten. Worms, Chef der Haushaltsabteilung im Finanzministerium: "Wir haben diskret die Daten und Rahmenbedingungen auflisten lassen, ohne dass die Beteiligten misstrauisch wurden und anfingen, Informationen zu verweigern. Es hat kein Sperrfeuer gegeben."

Am 2. September verkündete Koch dann in einer spektakulären Pressekonferenz das große Reinemachen. "Alles war gut vorbereitet", freut sich Regierungssprecher Dirk Metz, "das Fernsehen war vorgewarnt, Zeitungsanzeigen waren geschaltet, die Mitarbeiter am Bürgertelefon geschult, sechzig Charts präpariert, die der Regierungschef eigenhändig über eine Stunde per Beamer präsentierte. So was kann man mit Koch gut machen."

Kurz zuvor hatte die Staatskanzlei überdies zu streuen begonnen, dass die Haushaltslage des Landes dramatisch sei. Spätestens seit der Steuerschätzung im Mai war klar, dass im nächsten hessischen Haushalt ein Fehlbetrag von zwei Milliarden Euro klaffen würde – falls der Bund seine Steuerreform vorzöge, sogar von 2,7 Milliarden. Nur eine knappe Milliarde davon ließ sich verfassungskonform durch neue Schulden finanzieren – es blieb also eine Lücke von mindestens einer Milliarde.

Die Schuld für das Loch wiesen die Wiesbadener PR-Strategen der Bundesregierung zu, was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass sich Koch auf die Weise einmal mehr in der politischen Bundesliga profilieren konnte. Berlins wachstumsfeindliche Wirtschafts- und Sozialpolitik, so die Argumentationslinie der Hessen, lasse die Einnahmen der Länder einbrechen. Nach Meinung der hessischen Opposition von SPD und Grünen dagegen ist das Land eher deshalb klamm, weil in den vergangenen drei Jahren zu viel ausgegeben wurde.

Gemessen am Knalleffekt der Operation Sichere Zukunft wirken die Proteste der Verbände bisher merkwürdig lau. Das könnte daran liegen, dass die Folgen von Kochs Sparschlag noch unübersichtlich sind. Fest steht, dass die Landesbeamten schon von diesem Jahr an auf ihr Weihnachtsgeld verzichten müssen und im nächsten Jahr das Urlaubsgeld auf 60 Prozent gekürzt wird. Außerdem wird die wöchentliche Arbeitszeit auf bis zu 42 Stunden hochgesetzt. Lehrer sollen eine Stunde mehr unterrichten. Für einen 40 Jahre alten, verheirateten Beamten der Besoldungsgruppe A13 sinkt dadurch der Bruttostundenlohn um 12,6 Prozent.

Noch unklar ist vor allem, wo genau sich der Produktivitätszuwachs in der Landesbeamtenschaft in Stellenstreichungen niederschlagen wird. Nur Polizisten und Lehrer sollen verschont bleiben. In den übrigen Verwaltungen kochen die Gerüchte, wen es treffen wird. Die Finanzämter etwa rechnen damit, 200 Stellen zu verlieren. "Das ist kontraproduktiv", sagt Peter Neumann von der Deutschen Steuergewerkschaft. "Ein Betriebsprüfer etwa kostet vielleicht 60000 Euro im Jahr, aber er holt für den Staat zwei Millionen Euro herein. In ganz Hessen fehlen 1800 Finanzbeamte."