wellness Klasse statt Kasse
Das Kurbad ist tot, es lebe »Kur-Royal«. In Bad Homburg am Südhang des Taunus sollen sich die jungen Erfolgreichen in der Marmorwanne erholen – und damit auch für die Gesundheit des Ortes sorgen
Die Damen vom Hutsalon Gisela Rosemann in der Rathausstraße in Bad Homburg haben links vom Eingang die bewährten Modelle im Fenster drapiert: Wolle und Filz in unauffälligen Waldfarben. Rechts der Tür türmt es sich dagegen kühn auf den Büsten: plissierte Kappe mit Parabolantenne; schwarze Feder an Feuerwehrrot, ein Topfhut in Rosa und Gelb mit Kränzchen aus eitel Schwanendaun. Und dazwischen der Homburg. Wer setzt denn den noch auf?
Bad Homburgs Kaiser-Wilhelms-Bad verwandelte sich in ein edles Day-Spa
Verflossene Gestalten wie EdwardVII. von England und Konrad Adenauer haben ihn gern getragen; Männer mit Hut, eine aussterbende Spezies und nicht einmal geschützt. »Aber nein«, sagt Karen Diaz, Chefin des Ateliers, »dieser Hut ist ein Klassiker und deshalb immer in Mode.« Den Herren-Homburg (155 Euro) bezieht sie aus einer Manufaktur in Lauterbach; der für die Damen, »ein Hauch weicher« (180 Euro), wird im Atelier gefertigt, von jungen Modistinnen, die hinter dem ausgeschälten Gebälk des alten Fachwerkhauses sitzen. Nach der Etikette wird der Homburg zu Anzug mit Weste und Paletot getragen; von Damen zum Kostüm – das aber weder in der Alt- noch in der Neustadt, weder beim Einkaufen in der Louisenstraße noch beim Wandeln im Kurpark. Bad Homburg vor der Höhe geht hutlos. »Es gibt Nachfrage. Ich habe einen Herrn, der verschenkt den Damenhut laufend«, versichert Karen Diaz. Sie glaubt allerdings, dass ihr Salon der einzige am Platze ist, der den Homburg führt.
Die Stadt am Südhang des Taunus gleicht ein wenig dem Hutsalon Rosemann. Einerseits gediegen, traditionsreich, waldnah, andererseits schon ein bisschen nobler als die übrigen hessischen Kurorte: barockes Landgrafenschloss und Spielbank, englischer Kurpark und Gründerzeitvillen, niedliche Altstadt, teure Fußgängerzone, Golfplatz, Tennisbar und die frische »Champagnerluft«, die von den Taunushöhen herabprickelt. Hölderlin logierte in der Dorotheenstraße, und Kaiser WilhelmII. entwarf einen Brunnentempel. Der König von Siam, der Zar von Russland, der Prince of Wales tranken demütig vom salzigen Wasser, das den Leib öffnen soll. »Fürstenbad« eben – das hält sich. Auch wenn vor dem verödeten Fürstenbahnhof nur noch die S-Bahn nach Frankfurt wartet.
Auf der anderen Seite werden die alten Hüte aussortiert, drängt man zu neuen, umwerfenden Modellen; weg von Kur und Kassenpatient, hin zu Wellness und privater Prävention. Ein bisschen nobler will die Stadt indes bleiben, Standort einer blitzsauberen Industrie. »Es darf nicht rauchen, es darf nicht stinken«, sagt Kurdirektor Peter P. Bruckmaier; also bitte keinen Baumarkt und keine Hühnerfarm in der Nachbarschaft; stattdessen 88 Firmen und Institutionen, die sich um anderer Leute Gesundheit kümmern.
Das tut die Stadt eigentlich schon seit zwei Jahrhunderten. Nur preist sich der Standort jetzt als »regionales Gesundheitskompetenz-Zentrum« an und nicht als »Heilbad« wie früher. Wenn man all die Konditoren, Modistinnen, Gärtner, Geigenspieler und Tennislehrer dazuzählt, die mit ihrer Kompetenz zentral zum Kurerfolg beigetragen haben, dann ist der Name nur ein neues Etikett für das heilige Programm der ausschließlichen Beschäftigung mit der eigenen Person. Die werte Gesundheit ist auf der Promenade noch immer hervorragender Gesprächsstoff. Das Kurorchester spielt noch immer etwas aus der Fledermaus, die Brunnen plätschern, und in der ehemaligen Wandelhalle drehen sich zwei zu dem Foxtrott, den ein Alleinunterhalter aus seinem Keyboard holt.
Die Kastanien und Platanen im Kurpark werden älter, ohne dass es jemanden störte. Alle, die es noch nicht gekostet haben, steigen zu den Brunnen hinunter oder hinauf und halten ihre Becher unter das heilsame Wasser: Natrium-Calcium-Chlorid-Hydrogen-Carbonat-Brunnen; kochsalzreicher, eisenhaltiger Natrium-Chlorid-Säuerling – einer schrecklicher als der andere. Zum Auguste-Viktoria-Brunnen zwischen rosa Azaleen, dessen Monopteros Kaiser WilhelmII. entworfen hat, schreitet ein dicker englischer Herr, der entfernt an EdwardVII. erinnert, mit einem Plastikkanister in der Hand. Das Wasser helfe gegen seine Herzrhythmusstörungen. So zapft er gleich fünf Liter davon ab und wünscht Gesundheit und einen schönen Tag.
Die Kur ist älter als jeder Hut; römisch vermutlich. Dann gewannen die Landgrafen von Hessen-Homburg Salz aus den Quellen. Im 19. Jahrhundert wurde ihre Heilkraft wiederentdeckt: sechs kohlensäurereiche Kochsalzquellen, ein Solesprudel und zwei Stahlquellen, die Herz und Kreislauf, Magen und Darm stärken, gegen Blutarmut, Rheuma, Arthrose, Fettsucht, Gicht, beginnende Leberzirrhose, Beschwerden der Wechseljahre, gegen Gallensteine, Neurodermitis und Schuppenflechte wirken sollen.
Solche Malaisen zieht man sich im Laufe des Lebens zu. Fühlte sich der Mensch dann verschlissen, ließ er sich vom Arzt eine Kur verschreiben und zog für vier Wochen ins Bad, wurde in Fango gepackt und in warmer Sole versenkt, wackelte durch den Kurpark und trank Säuerling. Damit ist es vorbei. Die Bad Homburger Quellen gelten offiziell nicht mehr als verschreibungsfähige Heilmittel; die Sozialversicherungsträger müssen sparen, und die Bäder machen Verlust. Die Kur und Kongreß GmbH zahlt für den Unterhalt der Quellen, an deren Wasser sie – bis auf die warme Thermalquelle, die in die Taunus Therme fließt – nichts mehr verdient, 150000 Euro im Jahr.
- Datum 02.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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