Es gehört zu den für Aussenstehende unergründlichen Regeln kommunistischer Parteipolitik in China, dass angeblich die jeweils dritte Tagung des Zentralkomitees (ZK) nach der Ernennung eines neuen Parteichefs entscheidende Weichen stellt. Das war 1978 so, als Deng Xiaoping vor dem dritten Plenum des 11. ZKs seine berühmteste Rede hielt: "Das Denken befreien, die Wahrheit in den Tatsachen suchen und mit Blick in die Zukunft einig zusammenstehen", lauteten damals die Codewörter des Kleinen Steuermanns für das Ende des Maoismus und den Beginn einer marktorientierten Reformpolitik. Und das könnte 25 Jahre später wieder genauso sein: Denn China erwartet mit der dritten Tagung des 16. Zentralkomitees vom 11. bis 14. Oktober ein möglicherweise erneut folgenreiches Parteitreffen.Wie die Tradition es wollte, hielt der neue Parteichef Hu Jintao auch diesmal eine programmatische Rede im Vorfeld des Plenums: "Die Grundrichtlinien des Regierens nach dem Gesetz allseitig umsetzen und den Aufbau der sozialistischen politischen Zivilisation vorantrieben", lautete ihr Motto. Das klang zwar auch für chinesische Ohren schwer verständlich. Die meisten Zeitungen des Landes, heutzutage mehr kommerz- als parteiorientiert, erwähnten Hus Rede nicht einmal. Doch in den Vereinigten Staaten titelte die "New York Times" aufgeregt: "Chinas Führer fordert demokratische Veränderungen".Wer recht hatte, wird man erst sehr viel später wissen. Einerseits gab es gute Gründe, Hu zu ignorieren. All die alten Floskeln vom "Festhalten an der Führung der Partei" und dem "Volk als Herrn des Landes" fehlten nicht in seinem Redetext. Andererseits gab es aber auch Grund aufzuhorchen: Achtmal innerhalb von zwei Sätzen gebrauchte Hu das Wort "demokratisch" oder "Demokratie". In einem so undemokratischen Land wie China, wo bisher nur die machtlosen Dorfbürgermeister demokratisch gewählt werden, mußte eine solche Betonung des D-Begriffs auffallen. Zwar gab Hu keine konkreten Versprechen, aber immerhin sprach er von der Notwendigkeit eines "systematischen Projekts" zur Erweiterung der öffentlichen Beteiligung an der Politik. "Wir müssen die Formen der Demokratie bereichern und sicherstellen, dass das Volks demokratisch wählen kann und an einem demokratischen Entscheidungsprozess teilnimmt", sagte Hu. So konnte man in seiner Rede alles, Altes und Neues, finden – wie übrigens auch damals bei Deng Xiaoping.Hu aber signalisierte damit, dass innerhalb der Partei wieder über politische Reformen gestritten werden darf. Jahrelang war das nicht mehr der Fall. Nach der blutigen Niederschlagung der Studentenrevolte im Jahr 1989 und dem Scheitern sozialistischer Reformer in der ehemaligen Sowjetunion zwei Jahre später fühlte sich die Kommunistische Partei Chinas in ihrer Existenz bedroht. Da Hus Vorgänger Jiang Zemin in der Phase der Verunsicherung die Macht übernahm, hielt er in seiner Amtszeit eisern am politischen Reformtabu fest. Das Tabu scheint nun gebrochen. Ob allerdings auf die wirtschaftliche Öffnung China nun die politische Öffnung des Landes folgt – kein Kenner des Landes würde wagen, das heute vorrauszuagen. Doch entbehrte man auch vor der dritten Plenartagung im Jahr 1978 aller richtigen Prognosen.