Rund 500.000 Frauen werden nach Angaben der EU jährlich in Westeuropa zur Prostitution gezwungen. Die Mehrzahl der Opfer stammt aus Osteuropa (siehe Karte). Nur selten wird gegen die Zuhälter und Menschenhändler ermittelt. In Deutschland wurden laut Lagebild Menschenhandel des Bundeskriminalamts (BKA) im vergangenen Jahr lediglich 289 Ermittlungsverfahren eröffnet. Knapp fünf Prozent der von der Polizei entdeckten Prostituierten sind minderjährig. Über die Hälfte der Frauen sind bei der Anwerbung über den wahren Grund der Einreise getäuscht worden, viele wurden durch Künstleragenturen oder Zeitungsinserate angeworben. Knapp 40 Prozent der Menschenhändler sind Deutsche; und rund ein Viertel der Tatverdächtigen sind Frauen.

Die Verurteilungsquote liegt laut Kriminalstatistik nur bei knapp zehn Prozent, wobei das Strafmaß von zehn Jahren für schweren Menschenhandel kaum ausgeschöpft wird. Die Gewinne aus der Prostitution werden so gut wie nie eingezogen. Den meisten Frauen, die bei Razzien in Bordellen aufgegriffen werden, droht sofortige Abschiebung. Und von denjenigen, die legal nach Deutschland eingereist sind, haben viele nur ein dreimonatiges Touristenvisum. Für die Prostitution, die eine legale Erwerbstätigkeit ist, müssten die Frauen eine Arbeitserlaubnis haben, die Touristinnen jedoch nicht gewährt wird. Strafbar macht sich eine Frau auch, wenn sie etwa als Au-pair-Mädchen oder als Künstlerin eine Arbeitserlaubnis hat, in Wirklichkeit aber der Prostitution nachgeht. So kommt es beim Verdacht auf Prostitution und Menschenhandel auch deshalb selten zu Verurteilungen, weil die Opfer nach ihren ersten Vernehmungen gleich abgeschoben werden und als Zeuginnen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Selbst in Fällen schlimmster Ausbeutung besteht eine unheilige Allianz zwischen Zuhältern und Prostituierten. Die Zuhälter wollen ihre Bordelle behalten, die Frauen haben Angst, in ihre Heimatorte abgeschoben zu werden, die sie aus materieller Not verlassen haben und in denen sich bei der Rückkehr leicht herumspricht, was sie im Ausland gemacht haben. Überdies drohen die in internationalen Banden organisierten Zuhälter ihren Opfern schwerste Repressalien an, sollten sie aussagen.

Nur Zeugenschutzprogramme, bei denen den Frauen Polizeischutz, eine finanzielle Hilfe (nach den Asylbewerbersätzen) und psychologische Betreuung gewährt wird, ermöglichen es den Opfern, die oft ein bis zwei Jahre dauernden Prozesse durchzustehen und gegen die modernen Sklavenhändler auszusagen. Im vergangenen Jahr wurden laut Lagebild des BKA nur 5,5 Prozent der bekannt gewordenen Opfer in solche Zeugenschutzprogramme aufgenommen.