November 2002, eine amerikanisch-europäische Konferenz. Es geht um den Irak, den internationalen Terrorismus, Saudi-Arabien, die Türkei. Dann kommt das Gepräch auf Iran, und plötzlich verschärft sich der Ton. Der schiitische Gottesstaat stehe "am Rande der Revolution", argumentiert ein hoher Berater der Regierung Bush: "Und wir sollten diese Revolution unterstützen." Bis zum Irak-Krieg sind es zu diesem Zeitpunkt noch vier Monate, aber der Amerikaner denkt schon über den Waffengang hinaus. Der Sturz Saddams werde auch "die Iraner ermutigen, sich von ihren Diktatoren zu befreien".

Sein Kontrahent, einer der höchsten Repräsentanten der EU, widerspricht. Ein "kritischer Dialog" mit der Regierung in Teheran bleibe unverzichtbar. In Iran gebe es Ansätze einer Zivilgesellschaft, die man stärken solle, statt von außen einen Regimewechsel anzuzetteln. Zu welcher Politik Amerika sich auch immer entscheiden werde: "Wir setzen den Dialog fort."

Ein knappes Jahr später ist die Atmosphäre zwischen Europa und Iran vergiftet. Denn wie die Amerikaner sind inzwischen auch die Europäer überzeugt, dass der Mullah-Staat atomar aufrüstet. Sie fühlen sich von den Iranern an der Nase herumgeführt. "Wir stellen eine konsequente Politik fest, die militärische Option der Nuklearpolitik offen zu halten", sagt ein Vertreter der Bundesregierung. "Das iranische Atomprogramm ist für uns – wie für Franzosen und Briten – Anlass zu größter Beunruhigung."

Aus gutem Grund. Ein Iran im Besitz der Atombombe würde die Spannungen im Nahen Osten noch einmal dramatisch erhöhen. Die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten könnten als nächste nach Nuklearwaffen greifen. Hinzu kommt: Die Atomwaffenstaaten Indien, Pakistan und Israel (das den Besitz von Kernwaffen freilich nie zugegeben hat) sind dem Nichtverbreitungsvertrag nie beigetreten. Das Vertragsland Iran hingegen würde das Proliferations-Regime mit einem Ausstieg zusammenbrechen lassen. Schließlich könnte sich Israel ähnlich wie 1981 im Irak zu einem Präventivschlag entschließen, bevor Iran seine Mittelstreckenraketen vom Typ Schahab-3 mit Kernsprengköpfen bestückt.

Natürlich bestreitet Teheran, nach Atomwaffen zu streben, und versichert, die Kernenergie ausschließlich friedlich nutzen zu wollen. Glaubwürdig ist das nicht in einem Land, dessen Erdöl- und Gasvorkommen zu den reichsten der Welt zählen. Manchen erinnern die iranischen Ausflüchte an das Katz-und-Maus-Spiel Saddam Husseins. Auch in Iran suchen Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) jetzt intensiv nach Anlagen zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Und wie die Irakis geben auch die Iraner immer nur das zu, was schon offen zutage liegt. In zwei Anlagen haben die Inspektoren Spuren von hoch angereichertem, waffenfähigem Uran gefunden: in Natanz, rund 300 Kilometer südlich von Teheran, wo in einem Pilotprojekt bisher an die 1000 Gaszentrifugen installiert worden sind; sowie – erst dieser Tage – in dem Elektro-Unternehmen Kalaje in einem Vorort der Hauptstadt, von dem die Iraner ursprünglich behauptet hatten, dort würden Armbanduhren hergestellt.

Am 12. September setzte die IAEO der Regierung in Teheran ein Ultimatum. Bis zum 31. Oktober muss sie eine vollständige Überprüfung ihres Nuklearprogramms gewährleisten. Verweigert sie die Kooperation, wird die IAEO den UN-Sicherheitsrat anrufen. Der könnte dann Sanktionen beschließen.

Kein Wunder, dass Iran diplomatisch an allen Fronten aktiv wird. In Berlin ging es vergangene Woche hinter verschlossenen Türen beim Besuch einer iranischen Delegation heftig zur Sache. "Die Annahme, dass die europäische Haltung sich von der amerikanischen unterscheide, ist ein Irrtum", wurden die Gäste aus Teheran harsch beschieden. "Unsere Lagebeurteilung ist nahezu identisch: Wir gehen alle davon aus, dass es nicht nur eine zivile, sondern auch eine militärische Nutzung Ihres Nuklearprogramms gibt." Die Bundesregierung ist überzeugt, dass Iran einen geschlossenen Brennstoffkreislauf anstrebt, von der Urananreicherung bis zum Bau von Schwerwasserreaktoren. Berlins dringender Appell an Teheran. "Gehen Sie auf diesem Weg nicht weiter!"

Das Erstaunen der Iraner über den neuen, unversöhnlichen Ton ist groß. Hatten die Europäer nicht fast einmütig die "Schurkenstaat"-Rhetorik der Bush-Regierung verdammt? Zu simpel, zu aggressiv! Haben EU und Iran nicht gerade erst Gespräche über ein Handelsabkommen aufgenommen – verbunden mit einem Dialog über den Kampf gegen den Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, über den Nahostfrieden und über Menschenrechte?