Das Wasser ist milchig-trüb, Dampfschwaden steigen empor. Am Ufer liegt schwarzes Geröll. Es stinkt nach Schwefel. Typisch Island. Rund 300000 Menschen baden jährlich in dem unappetitlich riechenden Wasser der Blauen Lagune. Sie ist eine echte Touristenattraktion – vor allem für Amerikaner und für Zentraleuropäer.

Die Isländer selbst fahren nur selten dorthin – vor allem, wenn sie jünger sind. Es fehlt ihnen einfach die Zeit dafür, weil sie am Schreibtisch sitzen, am Fließband stehen oder auf irgendeine andere Weise Jobs erledigen. Ein typischer Isländer arbeitet laut der Brüsseler Statistik-Behörde Eurostat 47 Stunden in der Woche – und das bis zum 67. Lebensjahr. Das ist gut für die Wirtschaft und für das Rentensystem, das als eines der preiswertesten in der Welt gilt.

Im Inselstaat werden nur knapp sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Alterssicherung aufgewandt, in Deutschland sind es mit 13 Prozent mehr als doppelt so viel. Dabei ist die durchschnittliche Altersrente in beiden Ländern ähnlich hoch. Was machen die Isländer anders? Was könnte man von ihnen lernen, um das deutsche Rentensystem zu reformieren?

"Die meisten Isländer hören erst mit 67 Jahren oder später auf zu arbeiten. Sie zahlen also etliche Jahre länger in die Pensionskassen ein als jemand in Deutschland. Gleichzeitig ist die Rentenbezugsdauer entsprechend kürzer. Das spart ungemein", sagt Professor Tryggvi Thor Herbertsson, Direktor des Instituts für ökonomische Studien an der Universität der Hauptstadt Reykjavík.

Das isländische System ruht auf drei Pfeilern: Jedem Arbeiter steht mit 67 Jahren die steuerfinanzierte gesetzliche Rente von monatlich 94090 isländischen Kronen (circa 1100 Euro) zu. Wer früher aus dem Erwerbsleben ausscheidet, muss für jedes Jahr einen Abschlag von fünf Prozent hinnehmen. Umgekehrt wird jedes Jahr zusätzlicher Erwerbstätigkeit mit einem ebenso hohen Aufschlag belohnt. Für viele ist das ein Anreiz, länger zu arbeiten. "Die Bürger lassen sich ihre Rente immer später auszahlen, um so den ihnen zustehenden Betrag zu erhöhen. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken", sagt Jon Saemundur Sigurjonsson, Leiter der Abteilung Soziale Sicherheit beim isländischen Gesundheits- und Sozialministerium.

Die zweite Säule bilden von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam angesparte Kapitaleinkünfte. Sie werden teilweise auf die gesetzliche Rente angerechnet, sodass dem durchschnittlichen Rentenempfänger nur rund 740 Euro ausgezahlt werden. Schließlich kann jeder Arbeitnehmer noch weitere vier Prozent seines Gehalts in Pensionsfonds investieren. Wenn der Arbeitgeber 2,6 Prozent dazulegt, bleibt das Ganze steuerfrei – "eine Art isländische Riester-Rente", sagt Sigurjonsson, der am Institut für Sozialpolitik der Universität zu Köln promoviert hat und sich mit dem deutschen System bestens auskennt.

Die Zahlungen aus der staatlichen und der umlagefinanzierten Rente sowie den Fonds reichen in der Regel, um den Lebensstandard in etwa halten zu können. Das funktioniert allerdings nicht, wenn man früh in Rente geht, dann sind die Abschläge zu hoch. Auch deshalb lassen sich nur wenige Isländer frühzeitig pensionieren. Mehr als 86 Prozent der isländischen Bevölkerung im Alter zwischen 55 und 64 Jahren arbeiten, bei den über 64-Jährigen sind es noch gut 34 Prozent. Die Quote wäre noch höher, wenn Fischer und öffentliche Bedienstete ausgeklammert würden. Für sie gelten bei der Altersrente Sonderregelungen.

Stefán Ólafsson, Soziologie-Professor an der Universität in Reykjavík, erklärt die hohe Arbeitsbereitschaft seiner Landsleute folgendermaßen: "Isländer sind besonders konsumfixiert und haben eine überaus positive Einstellung zur Arbeit. Beides ist Teil der Kultur und unter anderem durch die engen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu erklären." Island war jahrhundertelang ein armes Land. Der Aufschwung kam erst mit den amerikanischen Truppen, die im Zweiten Weltkrieg die Insel zunächst besetzten und später als Schutzmacht blieben. Sie bauten große Teile der Infrastruktur und sorgten dafür, dass Island innerhalb weniger Jahre eine Entwicklung durchmachte, für die andere Staaten Jahrhunderte brauchen. Die Insel hat sich seitdem zu einer offenen, voll in den Welthandel integrierten Volkswirtschaft entwickelt und verdankt ihren Wohlstand vor allem den Fischexporten sowie der von günstigen Energiepreisen angelockten Aluminiumindustrie.