Hörbuch

Das Gleiche noch mal, Miss

 

Dieses Buch wartet schon seit 30 Jahren im Regal, in die Hand genommen, angefangen, Staub abgeblasen, weggelegt, noch ein Versuch. Schon der Titel klang als ewiges poetisches Versprechen – Vermutlich erklärt sich die Hemmung als Spätfolge jenes Drama-lesen-Syndroms der Mittelstufe, das eine lebenslange Abneigung gegen verteiltes Rollensprechen hervorrief. Erste Stimme, Zweite Stimme, Kapitän Cat, Miss Price, Mr. Edwards, Miss Price, Erster Ertrunkener, Zweiter Ertrunkener, Jack Black, Mrs. Waldo, Eli Jenkins, Erste Nachbarin, Zweite Nachbarin… Wer war wer mit wem und wo?

In Wales, in Llareggup, einem Vierhundert-Seelen-Dorf am Meer, spielt dieser eine Frühlingstag, der in der Nacht beginnt und im Dunkel endet, jener Bloomsday eines Dichters, der 20 Jahre lang an dem Stück feilte. In einer szenischen Lesung Ende Oktober 1953 in New York saß Dylan Thomas dann auf der Matinee-Bühne, sprach die Erste Stimme, ein paar Tage später starb er in einem New Yorker Krankenhaus – am 9. November 1953 – an Hirnblutung, Alkohol und zu viel Leben. Die Legende vom genialen, walisischen Trinkerpoeten, der nur 39 Jahre alt wurde, legte sich nun über den Milchwald . Erschwerend musste sich das Spiel für Stimmen gegen das eigene Genre behaupten. Es wurde als Hörspiel gesendet – in der großen nachdichtenden Übersetzung von Erich Fried –, später als Oper komponiert und als Film (mit Elisabeth Taylor und Richard Burton) inszeniert, doch verfügbar und präsent war es nie wirklich. Hört man es heute, wirkt es wie die Sinfonie eines Träumers oder umgekehrt, als Monolog mit 42 Solisten – die deutsche Fassung, das NWDR-Hörspiel von 1954 unter der Regie von Fritz Schröder-Jahn, ist jetzt endlich greifbar.

Die Weltallegorie beginnt mit „(Stille, dann:) Anfangen, wo es anfängt: Es ist Frühling, mondlose Nacht in der kleinen Stadt, sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still, und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehenschwarzen, zähen, schwarzen, krähenschwarzen, fischerbootschaukelnden See.“ Alles ist da, das Schauen und Fühlen, ein sinnlicher Reigen aus Träumen und Klatsch, aus nächtlichem Alltag und alltäglicher Nacht. Mr. Edwards, der Tuchhändler, der seiner Liebsten, der Damenschneiderin Myfanwy Price, brünftige Briefe schreibt und ihr das Kassenklingeln als Hochzeitsglocken ausmalt; der blinde Kapitän Cat, der mit den ertrunkenen Kameraden redet und ihnen die Freuden des Lebens preist, oder die Pensionswirtin Mrs. Ogmore-Pritchard, zweimal verwitwet, die sich ihre toten Gatten „in ihrem keimfreien Schlaf“ und „unter tugendhaft arktischen Betttüchern“ herbeiträumt, rechts im Arm Mr. Pritchard und links Mr. Ogmore.

Im Vergleich zu dieser „Stimme aus Erz, vielstimmig wie die Orgel einer Kathedrale“ – so eine zeitgenössische Beschreibung – nimmt sich die Hörspielfassung des NWDR/SWF beinahe gefasst aus, wie ein Echo von Thornton Wilders Die kleine Stadt. Doch wo Wilder kuschelig, Joyce mythenschwer und Ödon von Horvath gesellschaftskritisch ist, bleibt Dylan Thomas shakespearisch humorvoll, erotisch und wortberauscht, eine Mischung, der man möglicherweise am besten mit hochdeutscher Zurückhaltung Dauer verleiht.

Dichtung galt dem 1914 in Swansea geborenen und in Laugharne begrabenen Waliser als Licht, das auf das Verborgene fällt. Unter dem Milchwald zählt jetzt wieder dazu. 

π Dylan Thomas: Unter dem Milchwald Hörverlag München 2003; 2 CDs, 93 Min., 19,95 Euro, ISBN 3-89584-599-X

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  • Von Konrad Heidkamp
  • Datum
  • Serie hoerbuch
  • Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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