DIE ZEIT-Schülerbibliothek

Sonnenstich, Affenschmalz, Knüppeldick

Eine „Kindertragödie“ hat Frank Wedekind sein 1890/91 entstandenes Schauspiel genannt, und wie es sich für eine ordentliche Tragödie gehört, gibt es auch Tote: Der Gymnasiast Moritz Stiefel schießt sich eine Kugel durch den Kopf, nachdem er sitzen geblieben ist; die 14-jährige Wendla Bergmann stirbt an den Folgen einer Abtreibung, die ihre Mutter für sie arrangiert hat. Auch Melchior Gabor, Moritz’ Freund, den seine Eltern in eine „Korrektionsanstalt“ gesteckt haben, spielt in der Schlussszene mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, wird aber von einem „vermummten Herrn“ davon abgehalten.

Wedekind lässt keinen Zweifel daran, wer an diesen Tragödien schuld ist: Es sind die Erwachsenen, die auf die Pubertätsnöte der Heranwachsenen völlig verständnislos reagieren. Alles, was mit Sexualität zu tun hat, wird mit einem Tabu belegt. Darüber wird nicht gesprochen, basta! So bringt es Frau Bergmann trotz der flehentlichen Bitte Wendlas nicht fertig, ihre Tochter darüber aufzuklären, wie Kinder gezeugt werden. „Aber es geht ja nicht Kind! – Ich kann es nicht verantworten. – Ich verdiene ja, dass man mich ins Gefängnis setzt – dass man dich von mir nimmt…“ Die Folge: Die gänzlich ahnunglose Wendla schläft mit Melchior und wird schwanger. Bei Mädchen und Jungen äußert sich die verdrängte Sexualität in Ersatzwünschen und -handlungen: in sadomasochistischen Fantasien oder exzessiv betriebenem Onanieren.

Ebenso scharf klagt Wedekind aber auch die repressive wilhelminische Schule seiner Zeit an. Sie wird als eine Dressuranstalt beschrieben, in der die Schüler mit lebensfernem Wissensstoff traktiert und die schwächeren unter ihnen ständig überfordert werden. „Um mit Erfolg büffeln zu können, muss ich stumpfsinnig wie ein Ochse sein“, sagt Moritz. Die Lehrer erscheinen in grotesker Überzeichnung, schon durch ihre Namen als pädagogische Karikaturen kenntlich gemacht: Rektor Sonnenstich, Affenschmalz, Knüppeldick, Hungergurt, Knochenbruch, Zungenschlag, Fliegentod. In der furiosen Szene Konferenzzimmer werden sie mit ihrer geschraubten Redeweise, ihrem kleinkarierten Gezänk und ihren seelenlosen Bestrafungsritualen der Lächerlichkeit preisgegeben.

Als eine Gegenfigur zur verknöcherten Welt der Erwachsenen und der heillos in ihre Probleme verstrickten Jugendlichen erscheint Ilse: eine junge Frau, die den Malern in der Stadt Modell steht und sich mit ihnen vergnügt. Sie verkörpert eine ungebundene, bohèmehafte Lebensweise, frei von bürgerlichen Zwängen und engen Moralauffassungen. Und sie ist auch die Einzige, die über den Selbstmord von Moritz Trauer empfindet und sich um die Pflege seines Grabes kümmern will.

Als gesellschaftlicher Gegenentwurf angelegt ist auch die Figur des „vermummten Herrn“, der Melchior Gabor am Ende für das Leben zurückgewinnt, indem er ihm verspricht, ihn „ausnahmslos mit allem bekannt“ zu machen, „was die Welt Interessantes bietet“. Nicht zufällig hat Wedekind dieser Inkarnation einer dem Leben zugewandten Haltung sein Stück gewidmet, und der Jugendstileinband der Erstausgabe, den Franz Stuck nach Wedekinds Angaben gestaltete, zeigt eine Frühlingswiese mit knospenden Bäumen, frischen Blumen und munteren Schwalben – ein „sonniges Abbild des Lebens“, wie Wedekind es sich, trotz aller tragischen Momente, auch für die Inszenierung des Stückes wünschte.

Mit seinem Erstlingswerk begründete Wedekind seinen Ruhm als Bühnenautor. Die lockere Szenenfolge, der lyrisch-expressive Dialogstil und die ins Visionäre, Groteske und Surrealistische gesteigerten Elemente weisen es als einen Vorläufer des expressionistischen Dramas aus. Allerdings durfte das Stück lange Jahre nicht aufgeführt werden. Erst nachdem sich seit der Jahrhundertwende das gesellschaftliche Klima änderte, als Gymnasiasten sich im „Wandervogel“ zu einer jugendlichen Protestbewegung formierten und Reformpädagogen über eine Änderung des Schulsystems nachdachten, konnte Frühlings Erwachen endlich im November 1906 an den Berliner Kammerspielen von Max Reinhardt uraufgeführt werden. Freilich hatte die Zensur auf der Streichung einiger der anstößigsten Stellen bestanden. Seitdem trat das Stück seinen Siegeszug auf den deutschen Bühnen an, und auch heute wird es noch oft gespielt. Denn die Probleme der Pubertät sind ein zeitloses Thema, mögen sie heute auch auf andere Weise bedrängend erscheinen als vor 100 Jahren.

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  • Von Volker Ullrich
  • Datum
  • Serie schuelerbibliothek
  • Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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