Als der liberianische Präsident Charles Taylor am 11. August abdankte und sein vom Bürgerkrieg verwüstetes Land verließ, war das auch für Hans-Heinrich Nöll ein guter Tag. Die Metzeleien im fernen Westafrika hatten den Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder VDR mit Sitz in Hamburg zunehmend in Argumentationsnöte gebracht. Denn ungerührt von der kriegstreibenden Politik des liberianischen Präsidenten, ließen die deutschen Reeder in den vergangenen Jahren ihre Schiffe weiter unter der Flagge Liberias fahren – und sorgten damit für verlässliche Deviseneinnahmen der Taylor-Regierung.

Liberia unterhält mit rund 2000 Schiffen eines der größten Billigregister weltweit. Rund 500 dieser Schiffe sind in deutschem Besitz. Die Hamburger Schifffahrtsgesellschaft Leonhardt & Blumberg etwa lässt 42 Schiffe unter liberianischer Flagge fahren, die Firma Laeisz immerhin 30. Deutsche Reeder als Finanziers der Kriege in Westafrika – das sind Meldungen, die man als Branchenvertreter möglichst vermeiden will. Doch lange war es still geblieben um den verlässlichen Geldfluss aus deutschen Reedereien in die Staatskasse des Diktators Charles Taylor. "Diese enge Verbindung hat man sich in Deutschland bisher nicht bewusst gemacht", sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Rainder Steenblock, "nicht in der Öffentlichkeit, aber auch nicht in der Politik".

Es ist die rechtliche Konstruktion des liberianischen Schiffsregisters, die es den deutschen Reedern lange erlaubte, sich am Krieg in Westafrika gänzlich unbeteiligt zu fühlen. Das Liberian Ship and Corporate Registry (LISCR) wird nicht von der Regierung in Monrovia verwaltet. Es ist ein privates Unternehmen mit Sitz in Vienna im US-Bundesstaat Virginia. Dort wird das Register komplett gemanagt. Einen Teil des Gewinns führt das Unternehmen, das im Besitz amerikanischer Privatpersonen ist, an Liberia ab. Die deutschen Reeder haben also nie mit der Regierung in Monrovia verhandelt. Sie schließen die Verträge mit der LISCR in Virginia ab, und auch die Registrierungsgebühren werden auf Konten in den USA überwiesen.

Rund 18 Millionen Dollar fließen von der LISCR pro Jahr an die liberianische Regierung. Im Jahre 2001 waren die Vereinten Nationen erstmals Hinweisen nachgegangen, dass Liberia unter Einsatz der Einnahmen aus seinem Schiffsregister den Krieg im benachbarten Sierra Leone anheizt. Das UN-Komitee über Sanktionen gegen Liberia führte in seinem 135-seitigen Bericht von Oktober 2001 insgesamt vier Überweisungen auf, die von LISCR-Konten nicht zur liberianischen Regierung, sondern auf Fremdkonten, vorwiegend in Dubai, gingen. Die UN-Experten hatten keine Zweifel, dass damit Rechnungen für Waffenlieferungen beglichen wurden.

Zu einem Embargo gegen das Schiffsregister, wie es seitdem gegen die Ausfuhr liberianischer Diamanten gilt, konnten sich die UN jedoch nicht entschließen. So blieb für die deutschen Reeder alles beim Alten. Forderungen, die liberianische Flagge zu verlassen, lehnten sie mit Hinweis auf das fehlende UN-Embargo ab. Noch im Juli dieses Jahres, als die Eskalation der Kämpfe in Liberia weltweit die Diplomatie beschäftigte, stieß der Bundestagsabgeordnete Rainder Steenblock mit seiner Forderung, die deutschen Schiffe sollten das liberianische Register verlassen, bei den Reedern und ihrem Verband auf taube Ohren. Erst Anfang August, kurz vor Taylors Abgang, schwenkte der VDR um. "Wenn sich in Liberia nicht bald etwas zum Besseren ändert", sagte Hans-Heinrich Nöll dem Schifffahrts-Branchendienst Lloyds List, "dann werden wir unseren Verbandsmitgliedern empfehlen, das liberianische Register zu verlassen." Zu diesem Zeitpunkt drohten die ersten Charterer, deutsche Schiffe unter liberianischer Flagge künftig nicht mehr zu buchen.

Wahr machen musste Nöll die Ankündigung nicht mehr. Am 11. August verließ Charles Taylor das Land, am 18. August einigten sich die Bürgerkriegsarmeen auf die Einsetzung einer Übergangsregierung für den 14. Oktober. Für die deutschen Reeder schien das Problem gelöst. "Liberia braucht jetzt dringend Geld für den Wiederaufbau", sagt Hans-Heinrich Nöll.

Doch von Wiederaufbau kann in Liberia noch keine Rede sein. Im Land wird weitergekämpft. Die derzeitige Regierung in Monrovia besteht überwiegend aus den Gefolgsleuten Charles Taylors. Und die geplante Übergangsregierung, die im Oktober die Amtsgeschäfte übernehmen soll, wird Zeit brauchen, bis sie die Geldströme kontrolliert. Derweil fließen die Millionen von Deutschlands Reedern weiter ungehindert ins liberianische Kriegschaos. "Es steht zu befürchten, dass am Ende wieder Charles Taylor profitiert", sagt der Abgeordnete Steenblock.

Die Sorge, das Geld aus dem Schiffsregister fließe weiter in die Kasse Charles Taylors, ist durchaus ernst zu nehmen. Die entsprechenden Konten werden vom Schifffahrtskommissar der liberianischen Regierung verwaltet. Und diesen Posten hat nach wie vor ein enger Gefolgsmann Charles Taylors inne, ein Mann namens Benoni Urey. Er soll auch die vor zwei Jahren von den UN beanstandeten Überweisungen nach Dubai veranlasst haben.