medizin Gift im Jungbrunnen
Die Hormontherapie in den Wechseljahren ist gefährlich. Doch viele Ärzte verharmlosen die Risiken noch immer
So wie Monika Tauber (Name geändert) geht es vielen Frauen. „Ich habe immer geschwitzt wie verrückt. Besonders schlimm war es nachts, da konnte ich kaum schlafen. Aber auch tagsüber kamen diese Wallungen“, beschreibt die sportliche 58-Jährige aus Mannheim ihre Beschwerden während der Wechseljahre.
Wenn die körpereigene Hormonproduktion sinkt und der weibliche Zyklus endet, trocknen nicht nur Haut und Haare aus; es treten auch jene unkontrollierbaren Attacken auf, in denen der Schweiß in Strömen fließt, das Herz zu rasen beginnt, Panik aufkommt.
Für Monika Tauber wurde der Leidensdruck schließlich so groß, dass sie sich von ihrem Arzt ein Hormonpräparat verschreiben ließ. Seit drei Jahren kurbelt sie damit ihren Östrogenspiegel im Blut an; schon bald nach Beginn der Behandlung ging es ihr deutlich besser. Doch inzwischen sind ihr Zweifel gekommen. Denn die einst so gepriesene Hormonersatztherapie ist in schlechten Ruf geraten. Nachdem Fachleute schon seit Jahren auf gravierende Risiken hinweisen, reagierte vergangene Woche auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft mit einer neuen Therapieleitlinie und ungewohnt deutlichen Warnungen. Die „bisherige weit verbreitete Verordnung“ der Hormone beruhe hauptsächlich auf Studien „unzureichender Qualität“, heißt es dort. Der Kommissionsvorsitzende Bruno Müller-Oerlinghausen sprach von „enormen Risiken“ der Hormontherapie und verglich sie mit der Contergan-Affäre. Aufgeschreckt von solch starken Worten, forderte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eine bessere Aufklärung der Frauen.
Viele Frauenärzte halten das wiederum für unverantwortliche Panikmache. So streiten Gynäkologen und Internisten, Epidemiologen und Biochemiker über Risiken und Nebenwirkungen der hilfreichen Hormone – und das Nachsehen haben die Patientinnen. Sie haben neben ihren Beschwerden nun auch mit den unterschiedlichen Expertenmeinungen zu kämpfen und fühlen sich oft ebenso rat- wie hilflos.
Monika Tauber hörte im vergangenen Jahr erstmals von Risiken der Hormontherapie. Damals wurde in den USA eine große Studie (Women’s Health Initiative) mit 16000 Frauen abgebrochen, weil zu viele Nebenwirkungen aufgetreten waren. Bei den Frauen, die Hormone erhielten, wurden 41 Prozent mehr Schlaganfälle, 29 Prozent mehr Herzinfarkte und doppelt so viele Thrombosen und Embolien registriert wie in der Gruppe, die ein Scheinpräparat erhielt. Außerdem war die Brustkrebsrate um 26 Prozent erhöht. Die National Institutes of Health (NIH) zogen die Notbremse. Sie empfahlen den Ärzten, die Notwendigkeit der Hormonbehandlung zu überprüfen, und warnten vor deren langfristigem Einsatz (ZEIT Nr. 30/02).
Auch Monika Tauber pausierte ein halbes Jahr mit den Medikamenten. Dann ging sie wieder zum Frauenarzt. „Die Beschwerden waren einfach nicht auszuhalten“, sagt sie. Der Mediziner spielte die angeblichen Gefahren herunter und verschrieb ihr erneut Hormone: Alles nicht so schlimm, ihre Beschwerden seien viel gravierender als diese übertriebenen Risiken. Und außerdem: Mal würde so, dann wieder so über Hormone geredet. Hauptsache, sie fühle sich wohl.
So wie dieser Arzt reagieren viele. Die Warnungen aus den USA blieben in den gynäkologischen Praxen weitgehend unbeachtet. Fachverbände schickten – sekundiert von der Pharmafirma Schering und anderen Hormonherstellern – abwiegelnde Stellungnahmen. „Bei einer Behandlungsdauer bis zu fünf Jahren ist kein erhöhtes Brustkrebsrisiko festzustellen“, heißt es in einer „Patientinnenaufklärung“ von führenden Mitgliedern des Berufsverbandes der Frauenärzte.
Der Beharrungswille ist verständlich. Schließlich hat die Zunft den Hormoncocktail jahrelang als Lebensretter und Jungbrunnen gepriesen – und damit gute Geschäfte gemacht. Bis zu einem Drittel aller Frauen zwischen 45 und 55 leidet in Deutschland an den Wechseljahresbeschwerden, die sich nicht nur in Schweißausbrüchen, sondern auch in schwindender Knochenfestigkeit, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen wie Depressionen äußern. Der Mechanismus für die vielfältigen Phänomene ist nicht genau bekannt. Unklar ist, welche Symptome sich auf das Altern zurückführen lassen und welche durch die Abnahme der Hormone bedingt sind. Ungeachtet dessen priesen Firmen und Frauenärzte die langfristige Hormongabe in den Wechseljahren geradezu als Quelle ewiger Gesundheit, die Schutz vor brüchigen Knochen, Herzinfarkt und welker Haut versprach.
Auf Medizinerkongressen wurde in den achtziger und neunziger Jahren gar diskutiert, ob es nicht an unterlassene Hilfeleistung grenze, keine Hormone zu verordnen. Viele Frauen erinnern sich, wie sie seinerzeit in die Behandlung gedrängt wurden. „Die Tablette abends gehört dazu wie das tägliche Eincremen“, bekam etwa die heute 68-jährige Hildegard Neuhaus zu hören. Dabei hatte sie gar keine Beschwerden. Als sie sich weigerte, wurde sie von ihrer Frauenärztin gefragt, ob sie später mit einem Altersbuckel und an Krücken herumlaufen wolle. Und so stieg die Zahl der verordneten Hormontagesdosierungen in rund zehn Jahren von weniger als 100 Millionen auf eine Milliarde. In der Altersgruppe der 50- bis 60-jährigen Frauen nimmt heute fast die Hälfte die Medikamente, insgesamt greifen in Deutschland zwischen vier und fünf Millionen Frauen regelmäßig zum Hormonpräparat.
Ein Lebensabschnitt wird zur Krankheit
Kein Wunder, dass sich viele Frauenärzte scheuen, ihre einstigen Empfehlungen zu widerrufen. Die Ergebnisse aus den USA, so tönten manche, ließen sich kaum auf Deutschland übertragen. Doch im August dieses Jahres belegte eine britische Untersuchung mit rund einer Million Engländerinnen erneut ein erhöhtes Brustkrebsrisiko – diesmal durch Hormonpräparate, die auch in Deutschland gebräuchlich sind. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ordnete wenige Tage nach Erscheinen der Studie an, die Risiken für Herzkrankheiten, Schlaganfall, Brustkrebs, Eierstockkrebs und Thrombosen zum 1. November in die Beipackzettel der Hormonpräparate aufzunehmen. Außerdem wurde empfohlen, die Behandlung nur bei ausgeprägten Beschwerden und dann so kurz und so niedrig dosiert wie möglich durchzuführen – und „nur nach ausführlicher Aufklärung der Patientin über die bereits im ersten Anwendungsjahr zu erwartenden schwer wiegenden Risiken“.
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft wurde sogar noch deutlicher. Es sei nicht auszuschließen, dass die Hormontherapie bisher mit dem Ziel propagiert wurde, „neue Bedürfnisse, Nachfragen und Indikationen zu generieren“, schrieb die Kommission, um „einen natürlichen Lebensabschnitt wie die Menopause in eine behandlungsbedürftige Hormonmangelkrankheit umzudeuten“.
Doch selbst solch harsche Kritik kann die Befürworter nicht erschüttern. In Zeitschriften wie Der Frauenarzt werden die Medikamente verteidigt. „Es sollte erläutert werden, dass Hormone keinen Brustkrebs verursachen“, rät Alfred Mueck von der Frauenklinik Tübingen in der Septemberausgabe seinen Kollegen. Durch die Hormone könnten allenfalls „vorhandene Krebszellen stimuliert werden“. Herbert Kuhl und Wilhelm Braendle erklären in einer Stellungnahme der Deutschen Menopause Gesellschaft geradezu kämpferisch: „Keinesfalls gerät unser Weltbild ins Schwanken.“ Im Gespräch wettert Kuhl gegen die „grauenhafte Panikmache“ und wittert dahinter eine Kampagne zur Kostensenkung. „Hier wird Schrecken verbreitet, dabei ist die Risikozunahme für die einzelne Frau minimal.“
Das sehen Fachleute anders. So kamen die britischen Forscher zu dem Schluss, dass „20000 zusätzliche Brusttumoren“ in den letzten zehn Jahren in England auf die Hormontherapie zurückzuführen seien. Und Eberhard Greiser, Leiter des Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin in Bremen, errechnete anhand der englischen Studie sowie der Krebsregister des Saarlandes, Bremens und Münchens, dass etwa 10000 der jährlich rund 48000 Brustkrebsfälle in Deutschland durch die Einnahme von Hormonen in den Wechseljahren bedingt seien.
Bei den meisten Frauen aber kommt diese Botschaft nicht an. „Mein Arzt hat von sich aus nicht über die Risiken gesprochen“, sagt Monika Tauber. Eine kürzlich im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und des sterns durchgeführte Befragung von 6000 Frauen kam zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte der Frauen, die Hormonpräparate nehmen, von ihren Ärzten nicht über erhöhte Risiken für Brustkrebs, Thrombose, Herzinfarkt und Schlaganfall informiert wurden. Auch die Verschreibungszahlen in Deutschland zeugen von der Beharrlichkeit vieler Ärzte. Seit vergangenem Sommer hat die Menge der verordneten Hormone zwar abgenommen, allerdings nur zwischen 13 und 20 Prozent. In Kanada und den USA ging die Verschreibungshäufigkeit um 30 Prozent zurück.
Es zählt „Eminenz statt Evidenz“
Warum sträuben sich deutsche Frauenärzte so hartnäckig, ihr Hormon-Dogma aufzugeben? Martina Dören, Professorin für Frauengesundheit in Berlin, glaubt, die Gründe zu kennen. Sie hat an der neuen Therapieleitlinie der Arzneimittelkommission mitgearbeitet und früher selbst Hormonpräparate befürwortet, würde sie jedoch heute nur noch bei sehr starken Beschwerden empfehlen. Verantwortlich sei vor allem die schlechte Fortbildung der Ärzte, die meist auf „Brötchenveranstaltungen“ der Pharmaindustrie einseitig informiert würden. Zudem sei die Autoritätsgläubigkeit gegenüber „Meinungsbildnern“ für viele Mediziner wichtiger als eine Meta-Analyse aus Oxford. „In Deutschland zählt Eminenz, nicht Evidenz“, sagt sie. Nur wenige Ärzte hätten gelernt, Studien kritisch zu beurteilen. Gerade männliche Ärzte könnten oft nicht zugeben, dass sie sich geirrt haben. Sie fürchteten, das Vertrauen ihrer Patientinnen zu verlieren.
Diese bleiben bis auf weiteres irritiert; auch deshalb, weil niemand ihnen genau sagen kann, wie sie die riskanten Hormone wirksam ersetzen können. Meist wird eine Änderung der Lebensgewohnheiten empfohlen, Gewichtsabnahme, mehr Bewegung, frische Luft, Entspannung, gesunde Ernährung. „Das mache ich doch schon lange“, sagt Monika Tauber, die gertenschlank ist und in ihrer Freizeit viel Rad fährt. Auch pflanzliche Präparate hat sie probiert – wie viele ihrer Leidensgenossinnen.
Als die Zeitschrift Ökotest im August diese Produkte, die zumeist auf der Basis von Rotklee, Traubensilberkerze oder Soja hergestellt werden, bewertete, war das Heft binnen kurzer Zeit vergriffen. Einige Frauen berichteten von einer Linderung der Beschwerden, bei anderen halfen sie überhaupt nicht. Gesicherte Erkenntnisse gibt es dazu kaum. Denn die jahrzehntelange Karriere der Hormonersatztherapie hat zur Folge, dass es kaum wissenschaftliche Studien zu Alternativen gibt. Ein Dilemma, findet Martina Dören: „Wir können doch verzweifelten Frauen nicht von Hormonen abraten und ihnen dann Mittel empfehlen, zu denen die Studien fehlen.“
Was also sollen die Frauen tun? Mehr als einen Kompromiss haben selbst kritische Mediziner im Augenblick nicht anzubieten. Wenn die Lebensqualität massiv beeinträchtigt sei, könne eine kurze und niedrig dosierte Hormontherapie durchaus hilfreich sein. Oft reiche auch die Hälfte der bisher allgemein empfohlenen Dosis, sagt Martina Dören. Was aber mehr wiegt, das akute Leiden oder das unkalkulierbare Risiko, kann ihnen kein Arzt sagen. „Das müssen die Frauen selbst entscheiden.“
Werner Bartens ist Arzt und Redakteur der „Badischen Zeitung“
- Datum 02.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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