Große Geschichten beginnen manchmal ziemlich banal. Diese beginnt im Jahre 1896 mit ein paar Tintenspritzern auf der Weste eines Edelsteinhändlers in London. Der Händler, ein gewisser Anton Dinkelsbuhler, war ziemlich sauer auf seinen unbeholfenen Bürogehilfen, der ihn beim Nachfüllen der Tintenfässer bekleckert hatte. "Von wegen Diamantenexperte!", knurrte Dinkelsbuhler. "Du würdest nicht einmal einen guten Kellner abgegeben!"

Vielleicht war dieses Malheur der entscheidende Moment im Leben des 16-jährigen Bürogehilfen Ernest Oppenheimer. Der unscheinbare Bursche sollte der mächtigste Diamantenhändler des 20. Jahrhunderts werden und 90 Prozent des Weltmarktes beherrschen.

Ernest Oppenheimer wird als fünfter Sohn eines kleinen Zigarrenhändlers anno 1880 in Friedberg geboren, einer hessischen Stadt, aus der auch die Dynastie der Rothschilds stammt. 1896 schickt ihn sein Vater zur Lehre nach England. Sechs Jahre später, im Mai 1902, besteigt er ein Schiff nach Südafrika, um die Niederlassung von Dinkelsbuhler in Kimberley zu leiten. "Er ist ziemlich schüchtern, und besonders helle scheint er mir auch nicht zu sein", frotzelt einer der altgedienten Bürohengste.

In Kimberley war bei einem Picknick im April 1871 ein funkelnder Kiesel gefunden worden; die Mahlzeit im Freien hatte zufällig auf dem reichhaltigsten Diamantenlager der Erde stattgefunden. Glücksritter und Spekulanten aus aller Herren Länder verwandelten das staubige Kaff in die Welthauptstadt der Diamanten. Nur Nicolaas de Beer, auf dessen kargem Land der new rush anfing, blieb mausarm – ein Schlitzohr hatte ihm seinen Grund und Boden für ein Taschengeld abgeluchst. Immerhin konnte sich der naive Farmer im Namen der Bergbaugesellschaft De Beers Consolidated Mines Ltd. verewigen. Zu diesem Konsortium, das der Erzkolonialist Cecil Rhodes gegründet hatte, wollte Ernest Oppenheimer.

Man könnte die Sternstunde des ehrgeizigen Immigranten ebenso gut auf den Tag datieren, an dem ihn der Vorstand von De Beers einlud, einen prächtigen Kristall zu taxieren. Die Herren ließen das Objekt kreisen, ihre Schätzungen wurden höher und höher. Dann kam die Reihe an Ernest. "Der Stein ist nichts wert", erklärte das Greenhorn aus England, "er ist aus Glas." Dieser Kerl hatte soeben seinen untrüglichen Instinkt für Diamanten bewiesen. Aber anstellen wollte man ihn trotzdem nicht.

Oppenheimer arbeitet wie ein Besessener und verschlingt alle Informationen, derer er habhaft werden kann. Über die Branche. Über das Land und seine Leute. Über die globalen Marktkräfte. 1906, zum Ende seiner Lehrjahre, heiratet er in London Mary Lina Pollak, die Tochter eines Börsenhais – eine glänzende Partie. Er kehrt mit ihr nach Kimberley zurück, wird zunächst in den Stadtrat gewählt und dann zum Bürgermeister. Im Alter von 32 Jahren zieht Oppenheimer die politischen Fäden in der Diamanten-Metropole. Ein Ölgemälde zeigt ihn mit schwarzer Samtrobe und der Goldkette des Stadtoberhauptes.

Aber es sind keine guten Jahre. Der Erste Weltkrieg bricht aus, der jüdische Einwanderer bekommt seine Fernwirkungen zu spüren. Ein Mann mit deutschem Akzent sollte in diesen Zeiten kein hohes Amt bekleiden, hetzt ein Ratsmitglied. Als im Mai 1915 der Schnelldampfer Lusitania von einem deutschen Torpedo versenkt wird und 1198 Passagiere sterben, brechen auch in Südafrika antideutsche Unruhen aus. In Kimberley reißt der Mob das Messingschild an der Villa von Oppenheimer herunter; er wird auf offener Straße attackiert und kommt nur durch eine glückliche Fügung mit dem Leben davon. Oppenheimer flüchtet nach England.

Kaum ist der Volkszorn verebbt, erinnert man sich im Hause De Beers der Verdienste des Exbürgermeisters. Man wolle sich erkenntlich zeigen, heißt es in einem Schreiben an ihn, ob er wohl einen Vorschlag hätte? Ernest Oppenheimer hat einen: "Ich will einen Direktorenposten bei De Beers." Er bekommt ihn nicht. Noch nicht.