Wirtschaftsgeschichte

Gerecht ist nur die Freiheit

In Manchester stritten Liberale gegen Feudalismus und Armut. Seit 150 Jahren werden sie verleumdet

Der schlimmste Bannfluch, der in der wirtschafts- und sozialpolitischen Debatte ausgesprochen werden kann, ist der des „Manchester-Liberalismus“. Ob Gewerkschafter oder Kirchenvertreter, linke Gesellschaftskritiker oder konservative Werteschützer – alle würden wohl dem Schrifststeller Günter Grass zustimmen, der schon 1997 zu erkennen glaubte: „Wir erleben den Rückgriff auf einen Manchester-Liberalismus, der keine Rücksicht auf Menschen mehr nimmt.“ Bei diesem Begriff werden die Bilder von verelendeten Arbeitermassen und ausgemergelten Kindern wachgerufen, die in Textilfabriken oder Bergwerken 16 Stunden lang schuften müssen. Daraus wird flugs gefolgert, es handele sich hierbei um Zustände, die von den Befürwortern des „Manchester-Kapitalismus“ angestrebt worden seien. Und so wird, wer staatlichen Dirigismus zurückdrängen will, heute leicht mit dem Vorwurf konfrontiert, er wolle die Menschheit in eine düstere Epoche brutaler Ausbeutung und trostlosen Elends zurückwerfen.

Diese Anklage ist so wirkungsvoll, dass selbst hartgesottene Wirtschaftsliberale vor ihr zurückschrecken und sich empört vom „Manchester-Liberalismus“ distanzieren. So betont die FDP-Führung immer wieder, sie sei den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet und habe mit „Manchestertum“ nichts im Sinn. Doch zu solchen eilfertigen Dementis gibt es in Wahrheit nicht die geringste Veranlassung. Denn die Verteufelung des Manchester-Liberalismus beruht auf einem grandiosen historischen Irrtum. In die Tradition der Manchester- Liberalen eingereiht zu werden ist ganz und gar ehrenvoll.

Der bedeutendste Kopf dieser Richtung, Richard Cobden (1804 bis 1865), war ein unermüdlicher Streiter nicht nur für den freien Welthandel, sondern auch für die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bedürftigsten in der Gesellschaft. Cobden selbst wuchs in extremer Armut auf, als eines von elf Kindern eines Bauern in Sussex. Weil sein Vater sie nicht mehr ernähren konnte, musste er seine Kinder zu Verwandten in Pflege schicken. Richard landete bei einem Onkel in Yorkshire, bei dem er sehr schlecht behandelt wurde. Diese an einen Roman von Charles Dickens erinnernde Geschichte wirft ganz nebenbei ein Schlaglicht auf die sozialen Zustände, die vor der industriellen Revolution auf dem so gern idyllisierten Land herrschten.

Der Autodidakt Cobden, der kaum Schulbildung genossen hatte, arbeitete zunächst als Angestellter in der Textilindustrie und gründete 1828 ein eigenes Unternehmen, das ihm bald Wohlstand einbrachte. Seit 1832 lebte Cobden in Manchester, wo er sich der Kampagne für einen demokratisch gewählten Stadtrat anschloss und, nachdem dies durchgesetzt war, zum Abgeordneten gewählt wurde. Seit 1841 saß Cobden für die Liberalen im britischen Unterhaus. Er und sein engster Mitstreiter John Bright (1811 bis 1889) verloren ihren Sitz erst bei den Wahlen 1857 – wegen ihrer Opposition gegen die aggressive Außenpolitik der konservativen Regierung und gegen den Krim-Krieg von 1854 bis 1856. Zu den Grundüberzeugungen Cobdens gehörte die Gewissheit, der freie Welthandel werde kriegerische Konflikte zwischen Nationen überflüssig machen. Die Manchester-Liberalen waren leidenschaftliche Antimilitaristen.

Das politische Hauptanliegen Cobdens und Brights aber war die Aufhebung der Getreidezölle, einer protektionistischen Maßnahme, die nach Auffassung der Liberalen nur die Privilegien der ländlichen Aristokratie schützen sollte, für die arbeitende Bevölkerung aber überteuerte Brotpreise und somit verschärftes soziales Elend bedeutete. Die Corn Laws, ein Bündel von Verordnungen, die den Getreidepreis künstlich hoch hielten, waren 1815 erlassen worden – nach dem Ende der napoleonischen Kriege und der gegen das napoleonische Frankreich gerichteten Kontinentalblockade. Die Blockade hatte auch zur Folge, dass englische Waren im Inland vor ausländischer Konkurrenz geschützt waren. Landwirtschaft war extrem lukrativ geworden, und Land wurde zu hohen Preisen gehandelt. Diesen Zustand wollten der Adel und andere reiche Landbesitzer, die über den Großteil des Ackerbodens verfügten, mithilfe der Corn Laws verewigen: Um billigere ausländische Anbieter auszuschalten, wurde ein Mindestpreis für eingeführtes Getreide festgelegt.

Cobden und Bright waren führende Aktivisten der Anti-Corn-Law-League, die sich mit aller Kraft für die Abschaffung dieser Schutzzölle einsetzten, weil sie darin das Kernstück des herrschenden halbfeudalen Staatsdirigismus sahen. Besonderen Wert legten sie aber auf die Festellung, dass sie nicht nur im Interesse von Industriellen und Kapitalisten handelten, sondern in erster Linie mit Blick auf die Lage der besitzlosen Klassen. „Der erste und schwerwiegendste Anklagepunkt in meinem Urteil gegen den Getreidezoll“, erklärte Cobden in einer Rede 1844, „ist, dass er eine Ungerechtigkeit gegen die Arbeiter in diesem und jedem anderen Land darstellt.“ Cobden widmete dem Kampf gegen die Corn Laws nicht nur seine Zeit, sondern auch sein Vermögen, sodass er in den fünfziger Jahren in tiefe Schulden geriet, aus denen ihn nur eine Geldsammlung seiner politischen Anhänger heraushelfen konnte.

Wie John Bright, der ein gläubiger Quäker war, identifizierte sich Cobden während des amerikanischen Bürgerkriegs mit Abraham Lincoln und seinem Kampf gegen die Sklaverei. Als infolge der Kämpfe in Amerika die Einfuhr von Baumwolle stockte und die Textilindustrie im Norden Englands zum Erliegen kam, organisierte Cobden eine Sammlung zugunsten der notleidenden Textilarbeiter – mit der Zielsetzung, die für damalige Zeiten unerhörte Summe von einer Million Pfund zusammenzubringen. Nach Cobdens Tod unterstützte Bright die Bewegung für das allgemeine und gleiche Wahlrecht und für geheime Wahlen. Weitere Ziele, für die sich die Manchester-Liberalen einsetzten, war die Ausweitung und Verbesserung staatlicher Schulbildung sowie die Reform und Öffnung der Universitäten für alle.

Einer der brillantesten zeitgenössischen Anhänger des „Manchester-Liberalismus“ außerhalb Englands war der französische Ökonom und Pamphletist Claude Frédéric Bastiat (1801 bis 1850) – ein literarisch begabter Polemiker, der seine Anklagen gegen die staatliche Gängelung der Freiheit im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben nicht nur in programmatische Traktate, sondern auch in scharfzüngige Satiren fasste. Als Bürger eines Landes, in dem die Denkungsart Rousseaus und seiner Lehre von der das Erbe des Absolutismus und des jakobinischen Zentralismus sowie der aufkommende Sozialismus zu einem hartgesottenen Etatismus zusammenflossen; in einem Land, in dessen politischen Sprachschatz das Wort „liberal“ nie Aufnahme gefunden hat, befand sich der radikale Marktwirtschaftler und Freihändler Bastiat in seiner hoffnungslosen Außenseiterposition. So hatte er eine gute Portion sarkastischen Humor bitter nötig. Nicht nur die Repräsentanten der bestehenden Verhältnisse, sondern auch die Reformer und Revolutionäre, nicht nur die Staatsfunktionäre, sondern auch die Sozialutopisten hatte er gegen sich – die geballte Macht einer öffentlichen Meinung, die in allen möglichen Punkten ideologisch tief zerstritten war, nur nicht in einem: dass das Wohl der Gesellschaft in die Hände eines fürsorglichen Staats gelegt werden müsse. Diese Herausforderung durch eine unbezwingliche Übermacht schärfte Bastiats Feder. Mit beißendem Spott und feiner Ironie ging er den Bewusstseinsstrukturen auf den Grund, die der Staatsgläubigkeit zugrunde liegen – und kam, in seiner Schrift von 1848, zu dem Schluss, dass dahinter nicht zuletzt die Anmaßung selbst ernannter „Vorsteher“ des Menschengeschlechts stecke, die in der „trägen Masse“ bestenfalls „passive Moleküle“ erkennen könnten. Sie gelte es mittels des Staates zu einem produktiven Ganzen zu formen. Sich selbst sähen diese „Publizisten“ als jene „schaffende Kraft“ an, „deren erhabene Aufgabe es ist, diese verstreute Materie – die Menschen – in einer Gesellschaft zu vereinigen“. „Die modernen Publizisten, ätzte Bastiat, „teilen die Menschheit in zwei Teile: Die Gesamtheit der Menschen minus eins bildet den ersten, der Publizist ganz allein den zweiten und bei weitem wichtigsten Teil.“

Die Manchester-Liberalen waren radikale Demokraten, die ihren Einsatz für freie Märkte und individuelle Selbstbestimmung in einem Zusammenhang mit ihrem Anliegen sahen, den Volkswohlstand zu heben und die Armut zu bekämpfen. Es waren Philanthropen, die den Ertrag ihrer Tätigkeit als Kapitalisten in den Dienst ihres sozialreformerischen Idealismus stellten. Sie waren das Gegenteil von menschenverachtenden Ausbeutern; sie waren Pioniere der modernen freiheitlichen Demokratie. Wie allen echten Liberalen lag ihnen die soziale Gerechtigkeit sehr am Herzen, doch definierten sie sie anders als sozialistische oder religös motivierte Gesellschaftstheoretiker: Nicht soziale Ungleichheit war in ihren Augen ungerecht. Ungerecht sei vielmehr, wenn bestimmte Gruppen der Gesellschaft von der Möglichkeit des sozialen Aufstiegs ausgeschlossen werden.

Ironischerweise müssten sich heute eigentlich globalisierungskritische Bewegungen wie Attac, die für mehr Gerechtigkeit auf den internationalen Märkten eintreten, den Manchester-Liberalismus zum Vorbild wählen. Denn es sind hauptsächlich protektionistische Maßnahmen der reichen Industrienationen wie Schutzzölle oder Subventionen für die eigene Industrie und Landwirtschaft, die die ärmeren und ärmsten Länder – die so genannte Dritte Welt – um einen fairen Anteil am Welthandel bringen. Die Manchester-Liberalen aber waren zutiefst davon überzeugt, dass der Freihandel – und zwar in alle Richtungen – die einzige Chance für weniger entwickelte Länder sei, zu mehr Wohlstand und sozialer Stabilität zu gelangen.

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