Wirtschaftsgeschichte Gerecht ist nur die FreiheitSeite 2/2
Einer der brillantesten zeitgenössischen Anhänger des „Manchester-Liberalismus“ außerhalb Englands war der französische Ökonom und Pamphletist Claude Frédéric Bastiat (1801 bis 1850) – ein literarisch begabter Polemiker, der seine Anklagen gegen die staatliche Gängelung der Freiheit im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben nicht nur in programmatische Traktate, sondern auch in scharfzüngige Satiren fasste. Als Bürger eines Landes, in dem die Denkungsart Rousseaus und seiner Lehre von der das Erbe des Absolutismus und des jakobinischen Zentralismus sowie der aufkommende Sozialismus zu einem hartgesottenen Etatismus zusammenflossen; in einem Land, in dessen politischen Sprachschatz das Wort „liberal“ nie Aufnahme gefunden hat, befand sich der radikale Marktwirtschaftler und Freihändler Bastiat in seiner hoffnungslosen Außenseiterposition. So hatte er eine gute Portion sarkastischen Humor bitter nötig. Nicht nur die Repräsentanten der bestehenden Verhältnisse, sondern auch die Reformer und Revolutionäre, nicht nur die Staatsfunktionäre, sondern auch die Sozialutopisten hatte er gegen sich – die geballte Macht einer öffentlichen Meinung, die in allen möglichen Punkten ideologisch tief zerstritten war, nur nicht in einem: dass das Wohl der Gesellschaft in die Hände eines fürsorglichen Staats gelegt werden müsse. Diese Herausforderung durch eine unbezwingliche Übermacht schärfte Bastiats Feder. Mit beißendem Spott und feiner Ironie ging er den Bewusstseinsstrukturen auf den Grund, die der Staatsgläubigkeit zugrunde liegen – und kam, in seiner Schrift von 1848, zu dem Schluss, dass dahinter nicht zuletzt die Anmaßung selbst ernannter „Vorsteher“ des Menschengeschlechts stecke, die in der „trägen Masse“ bestenfalls „passive Moleküle“ erkennen könnten. Sie gelte es mittels des Staates zu einem produktiven Ganzen zu formen. Sich selbst sähen diese „Publizisten“ als jene „schaffende Kraft“ an, „deren erhabene Aufgabe es ist, diese verstreute Materie – die Menschen – in einer Gesellschaft zu vereinigen“. „Die modernen Publizisten, ätzte Bastiat, „teilen die Menschheit in zwei Teile: Die Gesamtheit der Menschen minus eins bildet den ersten, der Publizist ganz allein den zweiten und bei weitem wichtigsten Teil.“
Die Manchester-Liberalen waren radikale Demokraten, die ihren Einsatz für freie Märkte und individuelle Selbstbestimmung in einem Zusammenhang mit ihrem Anliegen sahen, den Volkswohlstand zu heben und die Armut zu bekämpfen. Es waren Philanthropen, die den Ertrag ihrer Tätigkeit als Kapitalisten in den Dienst ihres sozialreformerischen Idealismus stellten. Sie waren das Gegenteil von menschenverachtenden Ausbeutern; sie waren Pioniere der modernen freiheitlichen Demokratie. Wie allen echten Liberalen lag ihnen die soziale Gerechtigkeit sehr am Herzen, doch definierten sie sie anders als sozialistische oder religös motivierte Gesellschaftstheoretiker: Nicht soziale Ungleichheit war in ihren Augen ungerecht. Ungerecht sei vielmehr, wenn bestimmte Gruppen der Gesellschaft von der Möglichkeit des sozialen Aufstiegs ausgeschlossen werden.
Ironischerweise müssten sich heute eigentlich globalisierungskritische Bewegungen wie Attac, die für mehr Gerechtigkeit auf den internationalen Märkten eintreten, den Manchester-Liberalismus zum Vorbild wählen. Denn es sind hauptsächlich protektionistische Maßnahmen der reichen Industrienationen wie Schutzzölle oder Subventionen für die eigene Industrie und Landwirtschaft, die die ärmeren und ärmsten Länder – die so genannte Dritte Welt – um einen fairen Anteil am Welthandel bringen. Die Manchester-Liberalen aber waren zutiefst davon überzeugt, dass der Freihandel – und zwar in alle Richtungen – die einzige Chance für weniger entwickelte Länder sei, zu mehr Wohlstand und sozialer Stabilität zu gelangen.
- Datum 02.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41
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