Elia Kazan, geboren am 7. September 1909 in Istanbul, gestorben am 28. September 2003 in New York, war einer der großen Regisseure des amerikanischen Kinos. Seine berühmtesten Filme sind "Die Faust im Nacken", "Endstation Sehnsucht" und "Jenseits von Eden". Auch Kazans Einfluss aufs Theater war groß: Mit Lee Strasberg gründete er das Actors Studio, dessen "method" stilbildend wurde für amerikanische Schauspieler. Zu Kazans Freunden zählte der ungarische Autor George Tabori, der 1947 in die USA kam. 1952 inszenierte Kazan am Broadway ein Stück Taboris, "Flight into Egypt". Im folgenden Text erinnert sich George Tabori an seine Zeit mit Kazan.

Elia sagte zu mir: "Wenn wir Erfolg haben, bleibe ich in New York und mache weiter Theater. Wenn nicht, dann gehe ich nach Hollywood." Er hat mein Stück sehr schön gemacht, leider hat er es falsch interpretiert. Es war eine ironische politische Komödie, die er zu ernst nahm. Sie wurde nach zwei oder drei Wochen abgesetzt.

Ich hatte, bevor ich nach Amerika zog, auf Ischia gewohnt und Elia oft von dieser Insel erzählt. Eine wunderbare Insel, auch Ibsen hatte dort gelebt. Elia und ich sagten oft: "Wenn Flight into Egypt ein Flop wird, gehen wir nach Ischia." Nach der New Yorker Premiere hatten wir ein Fest mit den Schauspielern und Kazan. Um Mitternacht rief unser Presseagent an und gab die Kritik der New York Times durch. Kazan erstarrte, nahm den Hörer und sagte nur: "Hm, na ja, ah." Dann legte er auf und sagte: "Jetzt geh ich nach Ischia!"

Als ich in New York ankam, herrschte die McCarthy-Zeit. Kazan erzählte mir, er stehe unter großem Druck, er sei Kommunist gewesen, und er könne sich nur reinwaschen, indem er vor dem Ausschuss Namen nenne. Im April 1952 verriet er dann elf Freunde, die mit ihm in der Partei gewesen waren. Er glaubte, das tun zu müssen. Andernfalls wäre er auf die Schwarze Liste gekommen und hätte nicht in Hollywood arbeiten können. So erging es mir: Ich stand auf der Liste und kam weder beim Film noch beim Fernsehen unter. Elia hat dann auf einer ganzen Seite in der Times erklärt, warum er kein Kommunist mehr sei. Das war ein schlimmer Text, die Erschütterung in Künstlerkreisen war groß. Ich war sehr sauer auf ihn. Ich habe fünf Jahre lang nicht mehr mit ihm gesprochen.

Eines Tages traf ich ihn zufällig auf der Upper East Side, in der Nähe der 95. Straße, wo ich wohnte, es war halb neun Uhr morgens, und ich überlegte: Soll ich die Straßenseite wechseln? Ich tat es nicht. Ich sprach ihn an: "Gadg – das war sein Spitzname –, Gadg, was tust du hier, du wohnst doch in der 70. Straße? Entweder kommst du von deiner Freundin, oder du gehst zum Psychoanalytiker." Er lachte und sagte: "Ja, ich geh zum Analytiker." Anschließend kam er zu mir und entschuldigte sich für das, was er getan hatte. Er hat sich später noch oft entschuldigt. Die fünf Jahre, in denen ich nicht mit ihm sprach, waren eine schlimme Zeit. Denn er war ein Freund. Und ein großer Künstler. Elia war sehr liebevoll zu seinen Schauspielern, sehr innig; er war kein Diktator wie viele deutsche Regisseure; keiner, der seine Leute erst bricht, ehe er mit ihnen arbeiten kann.

Wir haben nie mehr zusammengearbeitet. Elia machte große Filme und war der Freund berühmter Schauspieler. Aber als ich ihn zum letzten Mal sah, vor zehn Jahren auf Long Island, bedauerte er, dass er nach Hollywood gegangen war. Er sagte, er hätte in New York am Theater bleiben sollen.

Flight into Egypt , das war eine wunderbare Zeit. Vier Wochen lang habe ich ihn bei den Proben begleitet. Drei Jahre später führte ich selbst zum ersten Mal Regie. Ich kann sagen, Elia war mein Vorbild. Er brachte mir bei, dass die Schauspieler das Wichtigste sind; sie müssen zusammenhalten, eine Gemeinschaft bilden. Das habe ich nie vergessen. Gerade habe ich Die Juden von Lessing am Berliner Ensemble inszeniert. Die meisten Sachen, die da zu sehen sind, kommen von den Schauspielern. Ich habe auf ihre Einfälle nur reagiert.