An der Außenfront des unscheinbaren Hauses in der Afrikanischen Straße, in dem er während der langen Jahre der Diktatur und des Krieges gelebt hat, ist eine kleine Erinnerungstafel angebracht. Eine Straße ist nach ihm benannt, auch eine U-Bahn-Station weit im Berliner Osten. Das Gedächtnis dieses Mannes ist in den Herzen der Menschen, die durch seine Hilfe die Heimsuchungen überlebten, niemals erloschen. Dennoch ist er unter den Menschen des deutschen Widerstandes gegen das Regime des Nazismus fast ein Unbekannter geblieben.

Harald Poelchau, Pfarrer im Gefängnis von Tegel, gehörte zur Elite der Köpfe und Charaktere, die Helmut James Graf von Moltke auf seinem Gutshof im schlesischen Kreisau und in seiner Berliner Wohnung versammelte, um mit ihnen Pläne für ein neues Deutschland nach der Katastrophe zu schmieden: einen Staat des Rechtes, der sozialen Gerechtigkeit, der Freiheit – eine deutsche Demokratie, die den Namen verdiente. Ihr Verbrechen war, wie sie vor Freislers Gerichtshof klar bezeugten, keine Tat, sondern das Denken. Sie dachten eine Zukunft, die es nach des Führers Willen nicht geben durfte.

Harald Poelchau wurde, als seine Weggenossen auf das Urteil und schließlich auf die Hinrichtung warteten, ihr vertrauter Seelsorger. Er trug, sorgsam in seinen Kleidern verborgen, die Botschaften ihrer Frauen und Freunde in die Zellen, und er trug die Briefe der Gefangenen heraus. Die Bücher, die Dietrich Bonhoeffer in der Zelle schrieb, erreichten mit Poelchaus Hilfe ihre Adressaten, die schließlich zu einer Weltgemeinde wurden. Er beförderte die bewegende Korrespondenz zwischen Freya von Moltke und ihrem Mann, der sein engster Freund wurde. Er besorgte die Botschaften seines Freundes Peter Graf Yorck von Wartenburg, der sich schließlich, zusammen mit Eugen Gerstenmaier, der Verschwörung des Grafen Stauffenberg anschloss. Poelchau dachte und plante mit, als Gerstenmaier, auch im Kerker ein Bündel von Energie und ungebrochenem Mut, die ersten Skizzen für das Evangelische Hilfswerk entwarf, das nach 1945 Hunderttausenden das Leben rettete.

Es ist ein Wunder, dass Harald Poelchau, nahezu als Einziger aus der Gruppe der Kreisauer, der Verhaftung entging. Keiner der Männer des 20. Juli verriet unter der Folter seine Mittlerdienste. Erst recht schwiegen die Frauen, die er in Moabit durch eingeschmuggelte Honigbrötchen und andere Köstlichkeiten vor dem Verhungern und deren Seelen er vor der Verzagtheit bewahrte. Er hatte zuvor die Frauen und Männer des Widerstandsnetzes der Roten Kapelle, ob Kommunisten oder nicht, mit Kraft und, so weit sie es brauchten, mit Trost aufzurichten versucht, und er versagte einem kühnen, ja tollkühnen Geist wie Harro Schulze-Boysen, der seinen Eltern versprach, mit lachendem Stolz in den Tod zu gehen, seinen Respekt nicht einen Augenblick.

Er war an der Seite der holländischen und belgischen und norwegischen Resistenten, als sie zum Erschießungsplatz geschleppt wurden, oft Stunden über Stunden wartend, bis die Reihe an ihnen war, die Stille oder die Gebetsworte von den Salven der Hinrichtungspeletons zerrissen. Bei der ersten Exekution im Jahre 1934 – es war ein junger Raubmörder, der durch das Handbeil fiel – versagten seine Nerven. Zwölf Jahre später summierte er, dass er etwa eintausend Menschen zu ihrem gewaltsamen Tod geleitet habe, und man darf ihm glauben, dass er mit jedem Einzelnen starb.

In den Friedensjahren hatte er sich um die Kommunisten und Sozialdemokraten bemüht, die als Erste in die Gefängnisse und Lager verschleppt wurden. Da sie, zumeist Atheisten, an den regulären Gefängnisgottesdiensten nicht teilnehmen durften, organisierte er Unterrichtsstunden für Religionslose, eine Insel für den Austausch von Gedanken, für unüberwachte Gespräche, für geistige Anregungen, die vor allem diese Häftlinge brauchten, damit ihre Seelen nicht verdorrten.

Poelchau versagte sich jeden Missionierungseifer. Er konnte sich – religiöser Sozialist aus Paul Tillichs Schule und sein bedeutendster Schüler – ihrer Terminologie ohne Schwierigkeit bemächtigen. Er sparte sich Bibelworte und Gesangbuchverse. Lieber dachte er mit den Dissidenten über ein Dichterwort nach. Seine Zurückhaltung ging so weit, dass manche der Kommunisten den Verdacht äußerten, er sei nur noch Pfarrer, um seine Hilfsaktionen zu tarnen. Darin täuschten sie sich. Poelchau sagte von den Gefangenen, gleich, ob politische oder Kriminelle: "Ich sehe niemals den Fall, sondern immer die Persönlichkeit und das Geschöpf Gottes." Zuletzt wollte er nichts anderes, als den Menschen, die ihm anvertraut waren, den Zugang zur Gnade Gottes öffnen.

Keiner der Kriminellen, keiner der Kommunisten verpfiff ihn, wenn er sich über Bestimmungen hinwegsetzte. Doch draußen im Berliner Untergrund ging sein Name von Mund zu Mund: Der Pfarrer Poelchau und seine Freunde wüssten Rettung in äußerster Not, raunten sich die Verfolgten zu. Sie könnten einen Schlafplatz, Lebensmittelmarken ohne den Stempel "J", vielleicht sogar einen Laib Brot und ein Säckchen Erbsen, sie könnten Geld, Ausweise, womöglich eine Arbeit besorgen. Menschen, von denen Poelchau oder seine Frau Dorothee – schwäbische Pfarrerstochter und eine Cousine des tapferen Julius von Jan, niemals auch nur den Namen gehört hatten, standen unversehens in ihrer Wohnung, riefen an, begehrten Einlass in seine Amtstube draußen im Gefängnis. Jeder und jede dieser Unbekannten konnte ein Agent provocateur der Gestapo sein. Mit jedem, mit jeder konnte die Falle zuschnappen. Poelchau und seine Frau verließen sich auf ihren Instinkt: Helfen war wichtiger.