Er ist der unrasierte Bruder von Puck, dem Kobold aus dem Sommernachtstraum. Wie dieser fühlt er sich vergnügt, wenn alles überkreuz läuft und die schöne Ordnung dahin ist: "Gehn die Sachen kraus und bunt, freu ich mich von Herzensgrund." Wie Puck will er "grunzen, wiehern, bellen, brummen, flammen". Doch was macht er spät am Abend, wenn er sein schmuddeliges Elfenkostüm auszieht und kein geigender Punk-Puck mehr ist? "Dann geh’n wir Bier trinken. Komm doch mit, Mann!", bittet er den Besucher.

Nigel Kennedy ist kein Spaßvogel, sondern lustig aus Verzweiflung. Seit vielen Jahren steht er auf der Bühne mit seiner herrlichen Guarneri von 1735 und fürchtet sich davor, dass alle ihn für einen Klon halten, der in der Retorte des Musikbetriebs gezeugt wurde. Mr Kennedy, der formvollendete Rebell, vor dem sich die Alten lustvoll fürchten und dem die Jungen unbekümmert zujubeln, weil er die ganze musikalische Vielfalt ihres Lebens bisweilen in einem einzigen Konzert abbildet.

Kennedys Repertoire ist in der Tat beängstigend: Jimi Hendrix und J. S. Bach, Miles Davis und Johannes Brahms, polnische Klezmer-Weisen und Jean Sibelius, Peter Gabriel und Béla Bartók. Wien hatte einmal solche Sorge um die Würde des Musikvereinssaals, dass er wieder ausgeladen wurde. Und natürlich spielt er immer wieder Antonio Vivaldi, weil er vor 14 Jahren mit den Vier Jahreszeiten den größten Knüller der Klassikgeschichte gelandet hat (drei Millionen verkaufte Platten) und weil sein Management Rekorde nur für spannend hält, wenn sie zu toppen sind.

So holt er jetzt mit dem verkaufsfördernden Italiener ("fast eine schizophrene Type") abermals zum Griff nach dem Lorbeer an der Kasse aus. Seit Montag ist seine neuerliche Vivaldi-Erkundung auf dem Markt (EMI 5 576472), darin wieder die unverwüstlichen Vier Jahreszeiten, doch auch die beiden nahezu unbekannten Doppelkonzerte in D-Dur RV 511 und a-moll RV 522. Manchen Kenner schaudert’s schon beim Titel: The Vivaldi Album. Vor diesen Experten hat Nigel Angst, er sorgt sich bis ins Meckihaar, sie könnten ihm wieder eine nicht astreine Technik vorhalten, könnten mäkeln, dass er in keiner Kategorie 100 Prozent bringe, sondern überall nur 70, höchstens – mag er einst noch so gründlich bei Koryphäen wie Dorothy DeLay oder Stéphane Grappelli studiert haben. Aus dieser unfrohen Mathematik spricht natürlich die Skepsis gegenüber der Leichtigkeit des Grenzgängers, der sich das Visum für alle Kontrollen selbst ausstellt und es mit frivoler Musizierlust auch eigenhändig abstempelt. Wer, heulen die Türsteher am Olymp der Tonkunst, kann schon alles können?

Vermutlich findet Nigel Kennedy diese Frage absurd. Er ist von dem ebenso kindlichen wie liebenswerten Wunsch beseelt, seine vielen Passionen mit der ganzen Welt zu teilen, mit ihr in Kommunikation zu treten und seine herzhafte Mission der Aufklärung ungehindert fortzusetzen. Er will das Publikum für seine Überzeugung gewinnen, dass Qualität keine Frage der Schublade sei. Für ihn sind, Rechenkunst seines authentischen Gemüts, dreimal 70 Prozent an einem Abend mehr als die halbe Miete. Hauptsache, die Leute flippen aus. Dann kann er, der drollige Clown, versöhnt mit der Welt zu Bett gehen: Hat doch wieder Spaß gemacht.

Trotzdem hat er sich für seinen neuen Vivaldi der alten Virtuosität der Berliner Philharmoniker versichert, und es muss schon von einiger Bösartigkeit angekränkelt sein, wer nicht bemerken wollte, dass sich Kennedy mit dieser Einspielung vollends aus dem Kokon seiner Jugend befreit hat. Die frühe Vivaldi-Aufnahme von 1989 war – seltsamer Kontrast zur Optik des Künstlers schon damals – sozusagen noch von Klarlack überzogen, der Schreckensmann der Galerie spielte sie zahm, fast wohlerzogen. Man hörte immer noch den Frack, den er längst nicht mehr trug.

Jetzt birst sein Vivaldi vor Farben, Phrasierungen, Stricharten: "Wir wollten einfach eine Menge Spaß miteinander haben." Zugleich hat Kennedy der historischen Aufführungspraxis, deren Errungenschaften er kritisch bewundert, den stilistisch korrekten Erlebnishunger abgelauscht, die Begeisterung für hauchend vibratolose Töne (im Frühling), für das Knirschen des Frostes, wenn der Bogen sul ponticello nahe an den Steg fährt oder derb auf die Saite schlägt (im Herbst), er riskiert jetzt abrupte Echos und füllig expressive Melodien, er kann sich aber auch zurückziehen in die Unhörbarkeit solistischer Stille, wenn der Zauber des Naturalistischen aus dem ganzen Orchester strahlt.

Ja, hier spricht ein über die Jahre unbestreitbar gereifter Könner, der sich sein Vergnügen an der Arbeit nicht auf Kosten der Kunst leistet. Wer dies bezweifelt, kann sich von ihm in den kommenden Wochen die überbuchten Quattro stagioni live präsentieren lassen: "Hey, Mann", sagt er, "in Deutschland werde ich für Vivaldi aus meinem Rollstuhl steigen. Dann geht die Schlacht wieder los." Vielleicht wird mancher danach mit Pucks Worten sagen können: "Und soweit bin ich froh, das so sich’s fügt, weil diese Balgerei mich sehr vergnügt."