Amina Lawal wird nicht gesteinigt, weil sie ein uneheliches Kind geboren hat! In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass Amina Lawal der Anmaßung der nigerianischen Scharfrichter entronnen ist, sie muss ihr erotisches Privatleben nicht länger in der Öffentlichkeit verhandeln lassen.

Von Marta H. aus Berlin wird man Ähnliches nicht behaupten dürfen. Sie ist nach Kriegsende von russischen Soldaten vergewaltigt worden. Als "Anonyma" hat sie ihre Geschichte erzählt und einer Veröffentlichung zugestimmt. Ihren Namen, ihr Gesicht, ihren Körper wollte sie der Öffentlichkeit nicht preisgeben. 50 Jahre lang konnte sie ihr Recht auf Intimität wahren und ihre erotische Biografie schützen. Jetzt fand sich ein männlicher Richter, hier in der Person eines Berliner Nachwuchsjournalisten, der nicht davor zurückschreckt, den Namen der Frau, die unbekannt bleiben wollte, ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren.

"Marta war groß und sehr schlank", weiß der junge Mann in einem ausführlichen Zeitungsbericht über die anonyme Autorin des bei Eichborn erschienenen Buches Eine Frau in Berlin zu vermelden . Marta? Mehr Respekt hat eine Frau offenbar nicht verdient, die nach den Recherchen des Journalisten nichts weiter war als eine "Kleinpropagandistin des Dritten Reiches". Was soll uns damit gesagt sein? Womöglich, dass sie das Schicksal, das ihr die siegreiche Sowjetarmee bereitet hat, durchaus ein wenig verdient habe? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass ein solches Vorgehen nicht sehr weit entfernt ist vom literarischen Machismo der Herren Alban Nikolai Herbst und Maxim Biller. Mit dem Unterschied, dass deren Martas respektive Esras und Irenes noch am Leben sind und sich gerichtlich zur Wehr setzen können, wenn ihr Körper, wenn ihre erotische Identität in den rachsüchtigen Romanen ihrer verflossenen Liebhaber bis zur letzten Anusfalte für einen literarischen Coup herhalten müssen.

Die Süddeutsche Zeitung, die Marta H. offenbar aufgrund einer anonymen Denunziation enttarnt und einer gründlichen antifaschistischen Prüfung unterzogen hat, rechtfertigt ihr Vorgehen damit, dass Zweifel an der Authentizität des bereits 1959 von dem Sachbuchautor Kurt Marek herausgegebenen Werkes bestünden, das nun mit nur unbedeutenden Korrekturen in der Anderen Bibliothek von Hans Magnus Enzensberger wiederaufgelegt wurde. Und in der Tat kann man Enzensberger vorwerfen, seiner editorischen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen zu sein. Niemand außer der Witwe von Kurt Marek kennt die Originalhandschriften und das darauf fußende Typoskript des Buches. Doch das ist eine vollkommen andere Geschichte. Und warum man in München zwischen Philologie und Bloßstellung nicht zu trennen weiß, ist ein weiteres großes bayerisches Mysterium, vor dem man nur staunen kann.