"Wissen Sie, was mich wirklich fuchst?", fragt Stefan Prinz. "Dass niemand mehr mit mir spielt." Er öffnet die Schublade einer Kommode, in der Dutzende von Gesellschaftsspielen lagern. Spitz, paß auf! Mensch ärgere Dich nicht! Fang den Hut! Alles gammelt vor sich hin, seit der Familienrat vor vielen Jahren beschlossen hat, dass nicht mehr gespielt wird, weil es sonst nur Ärger gibt. Es begann jedes Mal mit einem Maulen, dann verzog sich ihr Mund, und schließlich sprangen die Tränen aus dem Gesicht des Mädchens, nicht nur als es klein war, auch später noch, jede Träne ein bitterer Vorwurf an den Würfel, die Männchen, das Schicksal. "Es gab nur zwei Möglichkeiten", sagt Stefan Prinz. "Entweder wir haben absichtlich verloren. Oder wir sind da durch. Und das war nicht schön."

In einer anderen Kommode liegen Videokassetten. Sie zeigen das Mädchen beim Fußballspielen vor Tausenden von Zuschauern und immerhin: Birgit Prinz weint nicht mehr, wenn sie verliert. Aber sie macht dann ein Gesicht wie eine geballte Faust. Man sieht, warum Stefan Prinz seine Gesellschaftsspiele in einer Schublade verwahrt, die er nur gelegentlich, in einem Anflug von Nostalgie, öffnet. Es wird auch klar, warum Birgit Prinz zu einer der besten Fußballerinnen der Welt wurde, denn wer sich Niederlagen verbietet, der geht irgendwann kaputt oder schafft es nach ganz oben.

Birgit Prinz ist 25 Jahre alt. Sie hat beinahe alles gewonnen, was man gewinnen kann, ist mehrfach deutsche Meisterin geworden, Europameisterin, Olympiadritte, Fußballerin des Jahres. 2002, bei der Wahl zu der Weltfußballerin des Jahres, wurde sie Zweite hinter der Amerikanerin Mia Hamm, aber es gibt viele, die sagen, Hamm habe gewonnen, nicht weil sie besser spiele, sondern weil sie schon so etwas wie eine Legende ist und in diesem Jahr ihre letzte WM spielt. Bei der Siegerehrung stand Birgit Prinz lächelnd neben Zidane, Ronaldo und Kahn. "Na", sagt Stefan Prinz, "das ist nicht alles mein Verdienst. Ich will mich nicht so ins Rampenlicht schieben." Dann sagt er: "Es fällt der Birgit schwer zu sagen, das und das habe ich von dir gelernt. Aber neulich hat sie in einem Interview gesagt, dass sie mir viel zu verdanken hat." Das habe ihn natürlich gefreut.

Vater Prinz: "Mir ist es wichtig, dass man sagen kann, was man denkt"

Das Haus von Stefan und Gabriele Prinz liegt in Dörnigheim, einem Dorf bei Frankfurt, gleich an der Hauptstraße. Drei Stockwerke, die sie sich mit einer anderen Familie teilen, mit angebautem Flachbau. Der Garten voller Blumen, und der Hund ist freundlich und verspielt. Unter dem Dach hat Birgit Prinz eine kleine Einliegerwohnung, ihr rotes Auto steht vor der Einfahrt, und eigentlich wollte es der Vater längst wegfahren, weil Birgit doch jetzt in den USA ist. Stefan Prinz arbeitet als Außendienstmitarbeiter bei einer Asphaltfirma, seine Frau war früher Floristin, und beide strahlen die Gelassenheit von Menschen aus, die wissen, dass in ihrem Leben alles glatt gelaufen ist. "Mir ist es wichtig, dass man sagen kann, was man denkt", sagt Stefan Prinz, "ohne dass die Leute gleich durchdrehen." Das Paar ist Mitte 50 und seit 33 Jahren verheiratet. Astrid, die ältere Tochter, wird demnächst Pfarrerin.

Hauptsächlich hängen Blumenbilder an der Wand, kaum welche von Birgit. Aber Frauenfußball ist ja sowieso ein Sport ohne große Öffentlichkeit, von dem es beim DFB inoffiziell heißt, es sei nichts als ein Zuschussgeschäft, obwohl die Zuwachsraten bei Mädchen und Frauen bei über zehn Prozent im Jahr liegen. Das Image ist trotzdem noch das alte: kantige, kurz geschorene Weiber, die mit Männerschritten über den Rasen traben. Auch Birgit Prinz ist groß, einen Meter neunundsiebzig, und eher kräftig. Als sie noch in der Bundesliga spielte, kamen an guten Tagen 500, 600 Zuschauer. Man kann als Fußballerin kein Geld verdienen. Birgit Prinz hat eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht, in Deutschland wird nach der Arbeit trainiert. Und jeder noch so große Sieg ist ein mehr oder weniger einsamer Triumph. Das richtige Spiel findet jedenfalls woanders statt, bei den Männern. Und so ist es nur logisch, dass Birgit Prinz ihre Karriere in einer Jungenmannschaft begonnen hat.

Wenn das eigene Kind berühmt geworden ist – vielleicht steht ihre Tochter am 12. Oktober ja im WM-Endspiel! –, dann kommt es den Eltern aus der Rückschau wohl immer so vor, als hätten die Dinge schon früher darauf hingedeutet. Birgit sei schon mit zweieinhalb Jahren ohne Stützräder Fahrrad gefahren, erzählen sie und winken dabei ab, damit man nicht denkt, sie seien besonders stolz darauf. Schon als kleines Kind habe sie mit den Jungs auf dem Schulhof gekickt, da sei sie ganz von selbst drauf gekommen. Und als sie sich mit acht Jahren entscheiden musste, ob sie Leichtathletin oder Fußballerin werden wolle, sei das ein harter Kampf gewesen, "weil beide Trainer sie unbedingt haben wollten". Birgit hat sich für den Fußball entschieden. Fortan spielte sie in der Jungenmannschaft, die ihr Vater trainierte. "Da hat sich ziemlich schnell herauskristallisiert, dass sie mal sehr gut würde", sagt Stefan Prinz. Birgit hat das einmal anders formuliert. "Ich war nicht besser als die Jungs. Aber eben auch nicht schlechter."

Stefan Prinz erinnert sich an ein Fußballspiel von vor 14 Jahren, das für seine Tochter typisch sei: Ihre Mannschaft führt mit 10 oder 15 Toren Vorsprung. Plötzlich lässt sich Birgit nach hinten fallen, macht Fehler, ermöglicht der anderen Mannschaft ein paar Gegentreffer. Stefan Prinz schreit seine Tochter an. Es hilft nichts. "Sie ist eine sehr mitleidvolle Person. Jedes Mal, wenn wir zu hoch führten, hat sie sich gehen lassen, damit der Gegner sich nicht allzu schlecht fühlte." Häufig habe er dann Birgit ausgewechselt, weil sie ihm patzig Widerworte gab, "sonst verlierst du als Trainer jede Autorität". In dieser Zeit beginnen Vater und Tochter eine symbiotische Fußballbeziehung. Vom SV Dörnigheim wechseln beide zum FC Hochstadt, er als Trainer, sie als Spielerin. Und es ist nicht ganz klar, an wem es liegt, aber wo immer die beiden auftauchen, beginnen für die Jungenmannschaften nahtlose Siegesserien.