Vor zwei Jahren war Sabine Sutters* Leben voller Zukunftsträume. Sie war gerade 30 geworden, hatte einen gut bezahlten Job als Webdesignerin in einer hoch gehandelten Internet-Firma, eine Altbauwohnung in bester Lage, einen großen Bekanntenkreis, und sie genoss es, sich mittags mit einem Latte Macchiato unter die jungen Kreativen zu mischen, die in der "Schanze", dem multikulturellen Hamburger New-Ecconomy-Viertel, ihre Mittagspause genossen. "PLÖTZLICH GEHÖRST DU NICHT MEHR DAZU": In der Schanze, dem Hamburger New-Economy-Viertel, treffen sich Mitarbeiter von Werbeagenturen und Internet-Firmen zur Mittagspause

Dann lag eines Tages ein Entlassungsschreiben in ihrem Briefkasten, und Sabine Sutter hatte das Gefühl, jemand habe sie auf den Kopf gestellt und das alte Leben aus ihr rausgeschüttelt.

Plötzlich fühlte sie sich als Außenseiterin. Die lockeren Gespräche in den Gemüseläden und Stehimbissen der "Schanze" fielen ihr bald so schwer, dass sie das Viertel mied. "Ich hatte das Gefühl, dass alle mich anstarrten, dass man es mir ansah, dass ich arbeitslos war. So ein Blödsinn!", sagt sie heute, doch es klingt, als würde sie das immer noch glauben. Ihre Augen sind verschattet, die Stimme ist verzagt.

Sabine Sutter ist ein einsamer Mensch geworden. Sie hat sich zurückgezogen von den ehemaligen Kollegen und Bekannten, weil sie sich schämt, den ganzen Tag in der Wohnung zu verbringen, während "die anderen etwas leisten", weil sie sich fürchtet vor Fragen, besonders vor der einen: Was machst du denn jetzt so? "Irgendwas muss an dir dran sein, dass sie gerade dich ausgesondert haben", denke sie oft, obwohl sie nicht die Einzige sei, der damals gekündigt wurde.

Auch Sonja Staffels* erzählt, dass sie einsam sei. Dreimal war sie arbeitslos; das erste Mal nach ihrer Ausbildung zur Heilerzieherin, das zweite Mal nach dem Uni-Diplom als Biologin, das dritte Mal nach einer Umschulung zur Fachzeitschriften-Redakteurin, zu der sie das Arbeitsamt überredet hatte.

Am Anfang war sie wütend darüber, dass Verwandte sie fragten: "Hast du immer noch nichts gefunden?" Dass Bekannte sich wunderten: "Dir als Diplom-Biologin müssten doch die Firmen hinterherlaufen!" Dass sie Sätze in den Zeitungen las wie: "Wer arbeiten will, findet auch was!" Heute ist die Wut einer stillen Verzweiflung gewichen. Ähnlich wie Sabine Sutter geht sie kaum noch aus, weil das Geld nicht mehr reicht und weil sie "sowieso keine Lust auf Gespräche mit glücklichen Arbeitnehmern" hat. Sie fühlt sich ausgemustert. "Ich habe eine solche Sehnsucht danach, irgendwo eingebunden zu sein", sagt sie. "Wenn das so weitergeht, kann man mich bald sowieso niemandem mehr zumuten."

Mitte der Siebziger waren in Deutschland erstmals eine Million Menschen arbeitslos. Seitdem ist die Zahl stetig gestiegen, inzwischen liegt sie bei rund 4,5 Millionen. Doch obwohl Arbeitslosigkeit längst zum Massenphänomen geworden ist, das fast jeden treffen kann, häufen sich die Berichte von Ausgrenzung und persönlichen Schuldgefühlen der Betroffenen. Die Bild- Zeitung beschrieb vor nicht allzu langer Zeit die "Straße der Arbeitslosen" in einer ehemaligen Stahlarbeitersiedlung in Duisburg, deren Bewohner sich kaum noch in Stadtteile wagten, in denen die meisten Leute Arbeit hätten. Die Berliner Morgenpost berichtete von der "Straße der Hoffnungslosigkeit" in Kreuzberg, in der jeder dritte Bewohner ohne Job sei und viele ihre Verzweiflung schon morgens in Apfelkorn ertränkten. Und auch in Hamburg, wo die Entlassungswelle der New Economy besonders kräftig war, seien die angeblichen "Musterarbeitslosen" (stern) auf dem besten Weg "in die gesellschaftliche Isolation", sagt Christian Schultz, Psychologe bei der Solidarischen Psychosozialen Hilfe Hamburg.

In den vergangenen Monaten habe er Hunderten junger Leute zugehört, die "sonst niemanden hatten, mit dem sie über ihre Sorgen reden konnten". Selbst den eigenen Eltern erzählten sie oft nicht von ihrer Situation. Kontakte zu Bekannten hatten sie abgebrochen, weil sie sich schämten, nicht mehr Teil der Leistungsgesellschaft zu sein, sich nicht mehr die angesagten T-Shirts und Taschen leisten zu können, kein Geld mehr zu haben für Fitness-Clubs und Restaurants, nichts mehr zu haben, dem sie sich zugehörig fühlten. "Arbeitslos zu werden wird in Deutschland immer noch als persönliche Niederlage angesehen, mit der man ganz allein fertig werden muss", sagt Schultz. Beratungsangebote, psychologische Unterstützung von öffentlicher Seite gebe es kaum, seine Beratungsstelle sei die einzige dieser Art in Hamburg.