Austin/Texas

Es ist der Tag danach, und Leticia van de Putte schwelgt im Hochgefühl der Niederlage. Sie – und mit ihr die Demokraten – hat die Abstimmung im texanischen Senat verloren. Doch der Jubel ihrer Partei, in Austin wie in Washington, ist ihr gewiss. So sagt van de Putte ernsten Blickes bedeutungsschwere Sätze. Sie spricht von einer "Machtanmaßung" der Republikaner. Das eben verabschiedete Gesetz über den Neuzuschnitt der Wahlkreise gefährde "die Demokratie in Texas und in Amerika".

In ihrem Büro im Kapitol sitzt sie, Abgeordnete aus San Antonio, dortselbst zur "Mutter des Jahres" erhoben, eine barocke Erscheinung im schwarzen Wallekleid. Umgeben hat sie sich mit einem bebilderten Erinnerungsschrein des eigenen politischen Aufstiegs von der Latina-Aktivistin zur Fraktionschefin. Eines der Bilder zeigt sie mit dem früheren Gouverneur, der ihr im Senatssaal einen Kuss gibt, nicht auf die Wange, sondern auf die Lippen. Unter das Foto hat George Bush geschrieben: "Für eine meiner Favoritinnen" – "Das war damals", sagt van de Putte streng. Damals, als Bush noch ein moderater, auch bei Demokraten respektierter Gouverneur war. Heute wird nicht mehr geküsst, und Bush erscheint van de Putte als jener Mann, der seine Kohorten ins heimische Texas schickt, um Mehrheiten zu manipulieren und seiner Partei auf Jahre die Macht in Washington zu sichern.

Van de Puttes Version der Ereignisse klingt wie eine Parabel über den Zustand der amerikanischen Demokratie oder, weniger erhaben, wie das Drehbuch für einen texanischen Western: Engel und Halunken treten auf; die Schurken schlagen die Guten in die Flucht und schicken ihnen auch noch den Sheriff hinterher; am Ende kommt es zum Showdown. Titel des Films: "Showdown in Texas".

Die Geschichte beginnt am 16. Juni 2003, als ein Mann ins Kapitol von Austin kommt, den sie allerorten "den Hammer" nennen. Tom DeLay sein Name, Texaner von Geburt, aber längst ein mächtiger Mann im fernen Washington, Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus und dort Vormann von George Bush. Der "Hammer" will, dass die texanischen Wahlkreise für die Kongresswahlen des Jahres 2004 neu gezeichnet werden. Und zwar so, dass mehr Republikaner ins Parlament von Washington kommen. Im Repräsentantenhaus hat die Rechte nur eine knappe Mehrheit. Allein in Texas, lautet die Kalkulation, müssten vier, vielleicht fünf neue Sitze zu holen sein – ohne jeden Stimmengewinn.

Das Redistricting ist die Schmuddelecke der amerikanischen Politik – ähnlich wie in Deutschland die Aufstellung von Landeslisten, bei der ein paar Parteifunktionäre über die Hälfte aller Abgeordneten entscheiden. Im amerikanischen Wahlrecht kann die Machtbalance verändern, wer den Wahlkreiszuschnitt kontrolliert. Texas entsendet 17 Demokraten und 15 Republikaner nach Washington, obwohl zuletzt 56 Prozent der Bevölkerung rechts wählten. Aber in Austin regierten zuvor 130 Jahre lang die Demokraten. Sie konzentrierten republikanische Wähler in wenigen Wahlkreisen. Dort errang die Rechte nutzlose Supermehrheiten. In den anderen Kreisen waren die Demokraten leicht im Vorteil. Diese Designer-Wahlkreise sind moderne Kunstwerke und kommen in den originellsten Formen daher: als Streifen oder Brezel, als Giraffenhals oder Hufeisen. Am Computer werden Bevölkerungsgruppen hin und her manövriert, bis die Mehrheit den Mächtigen passt. "In einer normalen Demokratie suchen sich die Wähler ihre Repräsentanten aus", schreibt der Economist , "in Amerika ist es bald umgekehrt". Nur logisch, wenn in Texas nun die erstarkten Republikaner ihr Stimmvieh verschieben.

Im Senat sitzt Leticia van der Putte ganz vorn an einem schönen Pult aus Walnussholz, Baujahr 1889. Alles ist hier ein wenig altmodisch, die Gaslampen an der Decke genauso wie die parlamentarischen Regeln. Immer wieder versichern sich die Senatoren, dem "großartigsten Parlament der Welt" anzugehören – ein schönes Dokument der texanischen XXL-Ambitionen. Van de Putte teilt diesen Stolz und nennt die anderen 30 Senatoren ihre "Familie". Mit diesen "Angehörigen" fährt sie in Urlaub, die Parteizugehörigkeit ist ihr schnurz. Der Senat glaubt, er kenne keine Parteien, nur Argumente. Die Parlamentarier sitzen nicht nach Fraktionen getrennt. Traditionell müssen zwei Drittel der Senatoren zustimmen, damit ein Gesetz beraten werden kann. Das zwingt zum Kompromiss.

So geschieht es knapp 140 Jahre lang. Bis "der Hammer" auf Austin niedergeht. Nach dessen Einwirkung, pünktlich zur Sommerpause, ruft der Senatspräsident überraschend eine Sondersitzung zur Wahlkreisreform ein. Eigentlich zu spät. Dem Gesetz zufolge werden die Linien nur alle zehn Jahre neu gezogen, um Bevölkerungsveränderungen zu berücksichtigen. Doch nach dem jüngsten Zensus konnten sich die Parlamentarier nicht einigen. Ein Gericht entschied im Jahre 2001. Dessen Karte gilt. Veränderungen bräuchten die Zustimmung der Demokraten. Die blockieren.