Am Rand der Probebühne des Berliner Ensembles sitzt der Regisseur George Tabori in einem Ohrensessel und sieht eine Komödie aus dem Jahr 1749, Die Juden. Geschrieben hat sie der junge Lessing, inszeniert hat sie der 89-jährige Tabori selbst. Wie er so dasitzt und sich in Betrachtung der eigenen Aufführung verliert, erinnert Tabori an einen reglosen Passagier: Er reist zurück in eine vergangene Tatzeit und besichtigt einen Tatort.

Das Stück Die Juden handelt von der Angst eines Reisenden, der bei netten Christen zu Gast ist und den Moment hinauszögert, da sie ihn als Juden erkennen; denn dann werden sie aufhören, nett zu sein.

Das geht lange gut, am Ende sagt der Reisende aber doch: "Ich bin ein Jude." Und natürlich lassen die Christen, die ihn liebten und in ihre Familie aufnehmen wollten, jetzt fallen. Sie geben ihm in Taboris Aufführung keinen Blick mehr, es tut ihnen leid, aber sie stehen auf und gehen. Der Reisende sitzt am Ende allein da. Nun wendet er sich um nach dem Regisseur Tabori, der die ganze Zeit in seinem Rücken saß. Der spielende Reisende auf der Bühne und der schauende Reisende am Bühnenrand, sie blicken einander an. Und der Mann aus dem Jahr 1749 zuckt die Schulter und lächelt: Nein, in die Zukunft kann er nicht. Zum Mann am Bühnenrand führt kein Weg. Es liegt ein Abgrund zwischen ihnen.

An diesem Abgrund spielt Taboris märchenhafte Inszenierung, als wäre er eine blühende, von Schmetterlingen überflatterte Wiesenmatte, die sanft hinabführt zum Paradies. Er inszeniert ein Idyll aus der Vorzeit, durch welches der Eiswind von heute weht.

Heiter lässt er seine tollen Spieler (den biegsamen Baron des Axel Werner, den schlauen Diener des David Bennent, die Lisette der Therese Affolter) "beiseite" sprechen, wie es Lessing befiehlt. Lessings Figuren sagen das Wesentliche gern beiseite, in ein allwissendes Off, und in diesem Off sitzt, von heute aus gesehen, der Zuschauer, der von Auschwitz weiß und nach Auschwitz lebt – ihm zwinkern die Figuren aus der Vor-Auschwitzzeit so zuversichtlich zu.

Lessings Stück geht so: Der Reisende rettet einem Baron das Leben, der von seinen eigenen Bediensteten überfallen wird. Die beiden Verbrecher haben sich als Juden verkleidet, und der echte Jude schlägt sie in die Flucht. Nun liebt der Baron den Juden und will ihm seine Tochter zur Frau geben. Unterdessen schleimen sich die Diebe bei dem Juden ein, stehlen ihm eine Tabakdose, werfen sich vor ihm in den Staub, um ihn bei Gelegenheit unter die Erde bringen zu können: Kleinstmob, Männer im Satansbratenrock. Zum Glück findet der Jude heraus, wer den Baron überfallen hat. Nun könnte alles gut werden.

Dass nichts gut werden kann, zeigt Tabori im Detail. Den Griff der Ganoven nach dem Besitz des Juden lässt er in Zeitlupe spielen, die dann zum Standbild gerinnt, zum szenischen Denkmal. Es ist eine Bewegungsstudie vom Raub: ein Griff nach den Dingen, dem der Griff nach dem Leben folgen wird. Ein Vorgriff wird besichtigt. Das ganze Spiel ist ein Vorspiel und findet in einer Vorzeit statt.

Der Reisende (Markus Meyer) lebt in Halbdistanz zu allen anderen. Er hat vollendete Umgangsformen, aber eigentlich sind es Vermeidungsformen. Er beschützt die anderen vor der simplen Wahrheit, wer er ist, und vor der höheren Wahrheit, dass die anderen seine Mörder werden könnten. Er umarmt sie und weicht ihnen aus. Der Aufschub ist sein Daseinsziel.