Wim Wenders wurde 1945 in Düsseldorf geboren und wuchs in Koblenz und Oberhausen auf. Seine erste Kamera bekam er im Alter von zwölf Jahren von seinem Vater, einem Arzt, geschenkt. Wenders studierte Medizin und Philosophie, brach 1965 sein Studium in Deutschland ab und ging nach Paris, wo er Filmgeschichte studierte. Er beendete seine Ausbildung an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen mit dem Film »Summer in the City«. Wenders gilt als einer der Meister des neuen deutschen Films, zu seinen bekanntesten Werken gehören »Paris, Texas« und »Der Himmel über Berlin«. Der Regisseur ist zum dritten Mal verheiratet, lebt in Los Angeles und in Berlin.

Als Filmemacher hat man viele Jobs gleichzeitig. Man ist Psychiater, Organisator, Buchhalter, Rechtsanwalt, Reiseleiter, Promoter, Architekt, Manipulator, Fotograf, Geschichtenerzähler, Werbefachmann, Sklaventreiber, Autor und noch einiges mehr, was eher nicht so glamourös und kreativ erscheinen mag. Eigentlich alles kein richtiger Beruf, vieles nur Fassade und Beiwerk, wenn man ehrlich sein will. Im Grunde stecken dahinter, für mich jedenfalls, nur zwei wirkliche Berufungen: zum Reisenden und zum Träumer. Beide sind voneinander nicht zu trennen. Filme sind immer Reisen, nach außen oder nach innen. Und ohne sich erst mal irgendwohin geträumt zu haben, macht sich kein Reisender auf den Weg. Und umgekehrt: Ohne das Reisen gehen einem die Träume aus, oder sie fahren sich fest.

»Wenn es nicht die Beatles, Van Morrison, die Kinks, die Troggs, die Pretty Things, die Stones und vor allem Bob Dylan gegeben hätte, ich hätte mich nie und nimmer getraut, das Studieren an den Nagel zu hängen und auf ein so unsicheres Terrain wie auf die eigene Kreativität zu setzen«

Beide dieser meiner Hauptbeschäftigungen haben dabei eine gemeinsame Quelle, aus der sie ständig Inspiration und Energie schöpfen. Und das ist die Musik. Ohne sie wäre ich weder Reisender noch Träumer geworden und deswegen schon gar kein Filmemacher.

Wenn es nicht die Beatles, Van Morrison, die Kinks, die Troggs, die Pretty Things, die Stones und vor allem Bob Dylan gegeben hätte, hätte ich mich nie und nimmer getraut, das Studieren (von Medizin, Philosophie, Kunstgeschichte) an den Nagel zu hängen und auf ein so unsicheres Terrain wie auf die eigene Kreativität zu setzen. Diese Musik war ansteckend. Nicht im Sinne von »Das kann ich auch!«, aber durchaus als »Wenn ich mich jetzt nichts traue, wann dann?«

Wenn es nicht Jacques Brel, Barbara, Edith Piaf, Françoise Hardy, Serge Gainsbourg und Jacques Dutronc gegeben hätte, hätte ich nie den brennenden Wunsch gehabt, Französisch zu lernen und nach Paris zu ziehen. (Eigentlich um Maler zu werden, aber da hat mir dann die Cinémathèque einen Strich durch die Rechnung gemacht und mir die Filmgeschichte und das Kino geradezu aufgezwungen.)

Wenn es nicht John Mayall und seine Bluesbreakers gegeben hätte, hätte ich den Blues nicht schätzen gelernt und von meinem Lieblingssänger J. B. Lenoir nie etwas erfahren. »A car has killed a friend, in Chicago a thousand miles away. When I read the news, night came early in my day. J. B. Lenoir is dead, and it hit me like a hammer blow…«

Wenn es nicht die Ton Steine Scherben (und Rio Reiser) gegeben hätte, (Macht kaputt, was Euch kaputtmacht) hätte ich mich (womöglich) von allem Möglichen kaputtmachen lassen. Und auch meine Entscheidung damals (lebensentscheidend!), nicht umgekehrt zu den Kaputtmachern zu gehören, war von Musik mitgetragen.

Wenn es nicht die Beach Boys, die Byrds und die Creedence Clearwater gegeben hätte, wäre mir die amerikanische Westküste nie als Paradies vorgekommen. (Und hätte ich dort wohl auch nie viele Jahre meines Lebens zugebracht…)

Ohne die Musik von Madredeus hätte ich in Lissabon keine Geschichte zu erzählen gehabt.