Grosnyj

Jeden Morgen ziehen die Männer am zerbombten Flughafen nördlich von Grosnyj vorbei, entlang der Kaserne, bis sich ihr Zug im Nebel zwischen den Feldern verliert wie eine eisenbewehrte Prozession durch ein gottverlorenes Land. Ein Minenpanzer rattert voran, stumm folgen die Pioniere mit Metalldetektoren, mit Suchstäben und einem Spürhund. Sie fahnden nach dem Tod in dieser vom Krieg zerfressenen Republik.

Tag für Tag schreiten russische Minensuchtrupps in Tschetschenien 600 Kilometer ab. Sie ringen mit der teuflischen Erfindungsgabe der Menschen: Die Minen sind getarnt als Handys oder Zigarettenschachteln. Im Straßenstaub liegen Drahtgeflechte, in denen erst der metallische Suchstab des Soldaten den Stromkreislauf zur Explosion schließt. Die Pioniere haben doppelt so viele Minen gefunden wie im Jahr zuvor. Täglich gehen Sprengsätze hoch, kosten ein Leben oder ein Bein im Nullsummenspiel von Bluttat und Vergeltung.

Mahnmal aus Alu-Löffeln

Am Sonntag sind Wahlen in Tschetschenien. Denn der Kreml hat den Frieden und die Abstimmung über den Republikspräsidenten angeordnet, wenngleich einzig die Tageszahl der Toten über Stabilität oder Instabilität entscheidet. Wo sich die Straße aus Tolstoj-Jurt in die Ebene von Grosnyj hinabsenkt, liegen am Randstreifen die verkohlten Reste eines Jeeps, in dem vor wenigen Wochen sechs Luftlandesoldaten per Fernzündung in den Tod gesprengt wurden. Schützenpanzer auf der kargen Höhe wachen über das Holzkreuz, dazu als Mahnmal ein Alu-Löffel und zwei Stiefel. Seit Kriegsbeginn verzeichnen die russischen Streitkräfte vermutlich mehr als 6000 Tote. Die wohl Zehntausende von Opfern unter den Zivilisten sind nicht annähernd zu schätzen. Jetzt wünscht Moskau eine politische Lösung des Krieges, die sich wie eine dicke Kompresse auf die tschetschenische Wunde im kollektiven russischen Unterbewusstsein drücken soll. Auf dass zumindest in den nächsten Monaten vor Russlands Parlaments- und Präsidentschaftswahl kein Blut durchsuppe.

Die Farbe auf dem Stein am Stadtrand leuchtet tiefrot. Dort, wo einst das sowjetische Monument die Hauptstadt Tschetscheniens ankündigte, ragen zwei verbogene Metallschienen in die Luft. Auf das steinerne Podest hat eine Hand "Grosnyj" gepin-selt. Dabei wäre die Stadt nicht zu verwechseln. Sie ist noch immer ein riesiges Trümmerfeld. Nur Büsche und Gras mildern den verstörenden Anblick des Brachlandes voller zerschossener Mauern und klumpigem Metallschrott. Auf löchrigen Fassaden künden neue, blauweiße Straßenschilder von einer besseren Zukunft.

Ihr Anfang gibt sich zaghaft. Sammeltaxis fahren wieder durch die einstige Halbmillionenstadt. An den Straßen stehen Händler mit Fünflitergläsern Benzin aus der Hinterhofproduktion. Die "Blockposten" auf der Straße heißen jetzt ziviler "Kontrollpunkte". Hinter Wänden aus Betonquadern mit Schießscharten und Camouflagenetzen verbarrikadieren sich die Soldaten in kleinen Forts, über denen die verblichene Flagge Russlands weht. Die Posten führen auf ihren Warnschildern das Gespräch mit dem Volk neuerdings gar auf Tschetschenisch: "Saza top tuchurju!" steht da geschrieben – "Stehen bleiben, oder ich schieße!". Die Stromversorgung funktioniert halbwegs, und fließendes Wasser wird versprochen. Etwa 300000 Menschen hausen wieder in Grosnyj.

Gebaut wird emsig – in den Kasernen. Die 46.Brigade igelt sich hinter Stacheldraht, Erdwällen und einem Slalomparcours aus Beton und Schlagbäumen in mustergültigen Baracken ein. "Auf ewig", wie es schon der berüchtigte General Jermolow den russischen Kaukasustruppen im 19.Jahrhundert befahl. Die Kantsteine sind exakt gestrichen. Die roten, weißen und blauen Lampen erinnern an einen Lunapark. In der Kaserne hat die russische Vorstellung der neuen Ordnung schon Gestalt angenommen. Nur im Süden, den Bergen zu, rumst manchmal die Artillerie im Kampf mit ein paar tausend versprengten Rebellen.