Sie trägt ein schlichtes Kleid aus blauem Jeansstoff. Ihre Haare sind kurz geschnitten zu einer, wie man sagt, „praktischen“ Frisur. Ihre Halskette ist aus dünnem, billigem Gold, wie man es aus dem Südosten Europas kennt. Ein Ring am Finger aber ist aus dem massiveren Weißgold, das in Westeuropa bevorzugt wird. Sie lacht nicht, sie lächelt nicht. Ihre Augen blicken nicht einmal traurig. Sie sind einfach leer.

Wenn sie ihre Leidensgeschichte erzählt, spricht sie mit fester Stimme, ohne zu stocken, nicht zu leise, nicht zu laut, aber doch so, als handele es sich nicht um sie selber, sondern um eine andere, eine fremde Frau, über die sie zufällig gut Bescheid weiß. Dass ihr der Blick zurück unendliche Qualen bereitet, ist nicht zu übersehen. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen. Sie zögert, erzählt lieber ausgiebig über Kindheit und Jugend, über ihre Heimat, über ihre Söhne – bis sie zum „Eigentlichen“, zu ihrem „Fall“ kommt.

Sie nennt sich Natalja. Sie sagt, sie stamme aus dem ukrainischen Ort Ternopil’, nahe der Großstadt L’viv, dem vormaligen Lemberg. Im Herbst des Jahres 2000 ist sie nach Deutschland gekommen – und hier in die Prostitution gezwungen worden.

Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging es Natalja gut. Sie war Leiterin einer Komsomolgruppe. Die Mitgliedschaft in der kommunistischen Jugendorganisation verschaffte ihr viele Vorteile. Sie hatte eine eigene Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad und Balkon. Sie verfügte über ein eigenes Telefon.

Auch ihr Betrieb brachte ihr Privilegien. Ein militärischer Betrieb. Dort wurden Waffenkomponenten und Teile für das sowjetisch-amerikanische Raumfahrtprojekt Sojus-Apollo hergestellt. Alles war streng geheim. Die Elektroingenieurin mit einem Universitätsdiplom, damals Mutter erst nur eines Kindes, Tochter eines Taxifahrers und einer Richterin, gehörte zu denen, die zuerst bedient wurde, wenn es im Sowjetsystem etwas zu verteilen gab. Ein Chauffeur brachte sie in einer Limousine zur Arbeit. Sie zweifelte nicht an den Anweisungen der Partei. Auch ihr Großvater war Mitglied, Chef der Kreisverwaltung, sie also in dritter Generation linientreu.

Ihr Ehemann aber entpuppte sich als Alkoholiker, der lieber von ihrem Verdienst als von eigener Arbeit lebte. Natalja ließ sich von ihm scheiden. Vorher hatte sie noch ein zweites Kind geboren, wieder einen Sohn. Dennoch, sagt sie, war es „ein gutes Leben“ – bis 1993, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit.

Der Streit mit Russland um den Besitz der Schwarzmeerflotte und die Häfen auf der Krim stürzte die Ukraine in eine schwere Wirtschaftskrise. Nataljas Firma schloss, wie die meisten Industriebetriebe in der westlichen Ukraine.

Die Mafia ist überall, es kommt zu brutalen Hinrichtungen

Sie musste ihre Wohnung verkaufen, mit den Kindern zu ihren Eltern, dem inzwischen pensionierten Taxifahrer und der pensionierten Richterin, ziehen, deren Renten selten genug ausgezahlt wurden und die vollends verarmten, als 1996 die neue Währung Hryvnja eingeführt wurde. Natalja stellte sich auf den Markt, verkaufte Obst, Gemüse und andere Lebensmittel für einen Großhändler, der ihr drei Prozent vom Umsatz ließ. An guten Tagen verdiente sie fünf, sechs Hryvnja, das entspricht heute einem Euro.

Und hier begann die Tragödie der Natalja. Eine Kundin war immer besonders freundlich zu ihr. Sie schien Natalja aufrichtig zu bedauern. Sie war gut gekleidet, konnte sich ohne weiteres das Kilo Bananen leisten, für das Natalja den Verdienst eines durchschnittlichen Tages hätte hinblättern müssen. Die Kundin war etwa gleichen Alters. Sie hatte zwei Töchter, eine schon fast erwachsene, eine noch junge. „Da stehst du hier in der prallen Sonne und im Winter in der eisigen Kälte“, hat sie gesagt, „du, eine gut aussehende Frau, die Besseres gewöhnt ist, und verkaufst Lebensmittel!“

Von L’viv nach Europa sind es etwa siebzig Kilometer. So sagt man das hier, obwohl die Ukraine ganz und gar in Europa liegt. „Europa“ ist hier das Gebiet der EU, das reiche Europa, das für die hiesige Bevölkerung schon in Polen beginnt.

Tausende sind von hier nach „Europa“ gegangen, zur Arbeit. Tausende legal, Zehntausende illegal. Auf den Baustellen an der portugiesischen Küste arbeiten Ukrainer, in den Bordellen der deutschen Hauptstadt Ukrainerinnen. Wer kann, schickt Geld nach Hause. An jeder Ecke trifft man auf eine Zweigstelle der Western Union, wo die Zurückgebliebenen das Geld abholen können, das die Verwandten in „Europa“ nach Hause schicken.

Der kleine Grenzverkehr nach Polen ist noch visumfrei. Ukrainische Händler beliefern die Märkte des Nachbarlandes, das seine Grenzen mit dem Beitritt zur EU abdichten wird, mit Handwerkserzeugnissen und billigen Klamotten, dessen Nachtclubs mit vermeintlich willigen Mädchen. Nahezu jeder, der von Ost nach West reist, schmuggelt. In das Futter der Jacken sind Plastikbehälter eingenäht, mit Wodka gefüllt. In Polen ist der Schnaps das Doppelte und Dreifache wert. Jenseits der EU-Grenze im deutschen Osten steigt er noch einmal um ein Vielfaches. Das Gleiche gilt für die Ware Mensch: Frauen, die hier Sex für 50 Hryvnja, weniger als zehn Euro, anbieten, verlangen in Polen für die gleichen Dienste 200 Z¬oty, knapp 50 Euro, und in Deutschland 100 Euro und mehr. Für die Zuhälter, die Frauen über die Grenzen schmuggeln, ist es eine einfache Rechnung und ein glänzendes Geschäft. Viele der verkauften Frauen sind aus der Ukraine, wo die Sexindustrie und der Menschenhandel für wachsenden Wohlstand sorgen.

Im Zentrum von L’viv sind, wie auch in Kiew, überall Zeichen dieser Entwicklung zu sehen. Auf das Sexgeschäft wird man schon bei der Einreise gestoßen. Das Einreiseformular ist mit bunter Werbung bedruckt. Am auffälligsten ist die Anzeige für den Nachtclub River Palace. Er findet sich in einem umgebauten Dampfer auf dem Djnepr: Restaurant, Spielkasino und Diskothek. Ein livrierter Portier mit Schirmmütze im Stil der Roten Armee hilft dem Gast aus dem Taxi. In der Disko ist „Black and White Night“. Wer einen Black Russian bestellt, erhält einen zweiten Drink, einen White Russian, umsonst dazu. Und wer schwarze und weiße Klamotten trägt, kommt kostenlos hinein.

Auf der Tanzfläche wiegen sich zwei, drei Dutzend Frauen, alle irgendwie schwarzweiß gekleidet, zu langsamen Rhythmen. Nur gelegentlich geht einer der wenigen männlichen Gäste, die alle nichts von dem Schwarzweiß-Abend gehört zu haben scheinen, auf die Tanzfläche. Wenn er mit einer der Frauen tanzt, bittet sie ihn alsbald um einen Drink. Sie bestellt sich, wenn nicht einen White oder Black Russian, ein Glas Krimsekt, sagt in gebrochenem Englisch, der Sekt sei so süß, dass nur sie, die Ukrainerinnen, ihn trinken können, der Herr solle doch etwas Schärferes zu sich nehmen – und fragt dann: „Do you need me tonight?“

Spielkasinos sind in der ganzen Ukraine so zahlreich, dass man sie nach ein paar Tagen kaum noch bemerkt. Auffällig aber ist ein schlossartiges Gebäude an der Umgehungsstraße von Ternopil’ auf dem Weg nach L’viv. Es hat eine Mauer wie eine mittelalterliche Festung, Zinnen und Türme. Das Schloss ist aus rohem Beton. Es ist nicht fertig gestellt. Und es sieht auch nicht so aus, als würde es je fertig gestellt werden. Hier sollte eine weitere Lustburg im üblichen Dreiklang – Restaurant, Kasino, Diskothek – entstehen. Auf welche Kundschaft hatte der Besitzer gehofft? Von ihm wird man es nicht mehr erfahren. Er ist tot, mit einem Kopfschuss umgebracht. Ein Mafiamord. Nun zerfällt die Burg ungenutzt – wie die Fabriken rundherum.