Die Mafia ist überall, ominös und omnipotent. Alles riecht nach Bandenkrieg. Wenn die Terrains noch nicht abgesteckt sind, wenn neue Mafiagruppen den Alteingesessenen einen Teil des Geschäfts entreißen wollen, kommt es zu brutalen Hinrichtungen. Außerhalb der Großstädte läuft das von der Mafia kontrollierte Geschäft mit den Frauen etwas diskreter ab. Es gibt keine Hochglanzbroschüren, die den Weg in die Nachtclubs weisen. Angelockt werden die Freier gleichwohl. In einem Café in einem kleinen Ort zwischen L’viv und Ternopil’ bedienen zwei hübsche Kellnerinnen. Die beiden würden auch anderweitig zur Verfügung stehen, bedeutet einem der Inhaber: "Für 50 Hryvnja". Dass er ein Zuhälter sei, darüber, sagt eine Bekannte, die aus dem Ort stammt, werde nie offen geredet. Überhaupt werde nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert, was die beiden Mädchen neben der Kellnerei so alles treiben. Aber besonders bei Volksfesten falle auf, dass sie regelrecht zu den Liebesdiensten abkommandiert würden. "Ein Wagen fährt vor", erzählt unsere Bekannte, "eine der Kellnerinnen wird herangewinkt – und ab geht’s."

L’viv, die Stadt, aus deren Umkreis Natalja stammt, ist auch eine Art Wallfahrtsort. Katholiken wandeln auf den Spuren von Papst Johannes Paul II., der die Stadt im Juni 2001 beehrte. Angehörige amerikanisch inspirierter Wiedererweckungssekten ziehen in kleinen Gruppen durch die Viertel. In größeren Gruppen stimmen abends ukrainische Nationalisten auf dem weitläufigen Platz der Freiheit Volkslieder an.

Besonders auffällig aber ist eine andere Art von Pilgern: junge Frauen, manche allein, manche zu zweit, viele blondiert, alle mit hellen, halb durchsichtigen Sonnenbrillen. In engst anliegenden Hosen oder kürzesten Röcken stöckeln sie auf Schuhen mit waghalsig hohen Stilettoabsätzen über das Kopfsteinpflaster. Sie kommen wie Natalja aus den tristen Vorstädten, aus den sterbenden Dörfern und Orten in der Umgebung. Sie haben einen bestimmten Blick. Zunächst wirkt er abweisend. Das Kinn ist ein wenig vorgeschoben, die Lippen sind geschürzt, als wollten sie sagen: Verschwinde! Durch die getönten Brillengläser sagen die Augen etwas anderes: Komm her!

Die Blicke gelten den Ausländern auf den Hotelterrassen, von denen jede Frau weiß, dass hier eine Übernachtung mehr kostet, als sie in einem Monat mit normaler Arbeit verdienen kann. Sie gelten aber auch den ukrainischen Männern, auf Urlaub oder für immer zurück von der Arbeit in "Europa". Ihnen sitzt das im Westen verdiente Geld locker, schließlich ist es hier im Osten ungefähr zehnmal so viel wert.

Für 750 Mark einen Pass und eine Fahrkarte nach Berlin

Nachts sieht man die Schönheiten wieder. Man muss nur dem Klackern der Absätze folgen. Die ganz jungen gehen ins Millennium, eine Disko mit Rock-Musik und Heavy Metal, die dunkelhäutige Ausländer besser meiden, weil dort ukrainische Skinheads herrschen. Die Alternative zum Millennium heißt San Remo, eine Nachtbar mit Karaoke, von Studentinnen bevorzugt, für Dunkelhäutige weniger riskant. Ein arabischer Geschäftsmann sagt über diese etwas biedere Bar: "Dort finde ich sofort eine, die mit mir geht."

Reifere und ängstlichere Herren bevorzugen den Sofia Grand Club mit Spielkasino, der Disko-Bar Platinum, dem Tex-Mex-Restaurant Alpaca, mit Billardraum, Swimmingpool und Fitness-Center. Es gehört irgendwie zum Grand Hotel. Wer in dem restaurierten alten Hotel logiert, darf sich im Club kostenlos entspannen. Nur die Sonderleistungen werden separat in Rechnung gestellt: Spielchips, Speisen und Getränke – auf der Spesenabrechung ist, angenehm für den Dienstreisenden, kaum noch erkennbar, welche Leistung wie beglichen wurde. Nach Mitternacht, wenn die Show beginnt, sind alle Tische im Platinum besetzt.

In der Ukraine sind Korruption und Vorteilsnahme auch im Kleinen gang und gäbe. Es ist ein offenes Geheimnis, dass ein schwunghafter Handel mit Tschernobyl-Attesten betrieben wird. Medizinische Bescheinigungen über Folgeschäden aus der Katastrophe werden unter der Hand verkauft. Schnell zu erkennen ist vor allem der Handel mit Frauen: durch einen Blick in das Anzeigenblatt Wasch Magasin ("Euer Laden"). Unter der Rubrik 934, Stellenangebote für ungelernte Kräfte, fallen zahlreiche mit schwarzen Balken umrahmte Kleinanzeigen auf. "Arbeit für schöne Mädchen", heißt es in einer, "18–30 Jahre, wir bieten das höchste Gehalt und die besten Arbeitsbedingungen." Eine andere verspricht: "Agentur bietet hoch bezahlte Arbeit für schöne Mädchen an. Arbeitszeit nach Vereinbarung. Das Geld: 100 Hryvnja pro Stunde. Agentur stellt Unterkunft." Eine Handynummer des ukrainischen Betreibers Kyivstar ist angegeben.

Von einem öffentlichen Fernsprecher ruft unsere ukrainische Bekannte an: "Hallo, ich habe Ihre Anzeige…"

Eine freundliche, aber ängstlich wirkende Frau antwortet sogleich: "Ich kann nicht lange reden."

"Warum nicht?"

"Ich kann nicht, ich kann nicht."

Eine mögliche Erklärung: Hohe Handygebühren, so genannte Roaming Charges, fallen für Angerufene an, wenn sie sich im Ausland aufhalten. Es ist denkbar, dass die Frau, die sich meldet, sich gerade in Polen befindet oder in Deutschland, es gibt tägliche Non-Stop-Flüge zwischen L’viv und Frankfurt. Unsere Bekannte kommt also schnell zur Sache: "Ich bin Studentin, ich brauche dringend Geld. Ich nehme jede Arbeit an, Hauptsache, es gibt Geld."

Die Frau am anderen Ende sagt: "Sie wissen, um was für eine Arbeit es sich handelt…?"

"Ich ahne es, aber sagen Sie mir bitte mehr, gibt es Schutz gegen Krankheiten, Aids? Was ist damit?"