"Sie können Kondome benutzen."

"Arbeite ich tags oder nachts?"

"Beides, nach Verabredung. Aber hören Sie, ich kann jetzt nicht lange sprechen. Kommen Sie heute Abend zum Schewtschenko-Denkmal."

"Heute kann ich nicht."

"Gut, dann morgen, um 18 Uhr. Wie erkenne ich Sie?"

"Ich trage einen Jeanshut und ein schwarzes TShirt, habe lange blonde Haare."

"Gut, dann bis morgen."

Es ist anzunehmen, dass Frauen, die auf solche Angebote eingehen, wissen, dass sie sich auf Prostitution einlassen. Meist wissen sie nicht, in welche Hände sie sich begeben.

Natalja vertraute sich seinerzeit ihrer mitfühlenden Kundin ganz und gar an. Auf einem Spielplatz, wo sie sich getroffen hatten und ihre kleineren Kinder beaufsichtigten, machte diese ein Angebot, bei dem Natalja nicht misstrauisch wurde. Gehe doch nach Deutschland, riet ihr die Dame, mein Mann lebt dort, er kann dir helfen, eine Arbeit zu finden, bei der Erntehilfe, als Krankenpflegerin – dafür suchen sie in Deutschland händeringend Leute.

Die Dame zeigte sich äußerst großzügig. Sie besorgte Natalja in nur zwei Wochen einen Pass und eine Bahnfahrkarte nach Berlin. 750 Mark sollte Natalja ihr dafür zahlen, nicht gleich, "erst wenn du es hast". Spielend sei das Geld in Deutschland verdient: "Nach drei Monaten kommst du zurück zu deinen Kindern." Allerdings ließ die Dame Natalja einen Schuldschein unterschreiben. Zehn Prozent Zinsen verlangte sie pro Monat. Sie sagte beruhigend: "Das hast du doch schneller abgezahlt, spätestens in einem Monat, in Deutschland verdient man so viel."

Ein kurzer Blick des deutschen Zöllners in Nataljas Plastiktüte

Auch jetzt schöpfte Natalja keinen Verdacht. Es ist ja nicht ungewöhnlich, in "Europa" zu arbeiten. Sie kannte viele, die für ein paar Monate gegangen waren und wohlhabend zurückkamen. Es fiel ihr auch nicht weiter auf, dass die nette, hilfsbereite Frau die Adresse der Eltern notierte, bei denen Natalja ihre Kinder unterbringen würde.

Sie sollte sich in einen Zug setzen, nicht irgendeinen, sondern einen bestimmten in drei Tagen, in dem der Schaffner sich um sie kümmern würde, sagte die Dame noch, nannte Natalja die genaue Abfahrtszeit und wünschte alles Gute.

Der Schaffner war tatsächlich informiert. Er brachte sie in einem Liegewagenabteil unter. Sie hatte kein Visum. Kein Problem an der polnischen Grenze, dort benötigen Ukrainer keines. Aber auch kein großes Problem an der deutschen Grenze. Der Schaffner instruierte sie genau. Beim letzten Halt in Polen, wo die deutschen und polnischen Grenzbeamten einsteigen, solle sie sich in dem Matratzensack über den weggeklappten Liegen verstecken. Sobald sie die deutschen Worte "Danke schön, gute Fahrt" höre, solle sie herauskommen und sich auf ihren Platz setzen.

Mit Natalja befanden sich noch zwei Frauen und ein Mann im Abteil, alle ukrainische Staatsbürger. Der Schaffner konnte sicher sein, dass sie nichts verraten würden. Schließlich mussten sie damit rechnen, dass er sie wegen ihrer Schmuggelware hochgehen lassen würde, sollten sie Natalja verraten. Als sie mit feuchtem Rücken und zitternden Händen wieder auf ihrem Platz saß, kam noch ein deutscher Zöllner durch den Waggon. Er zeigte auf die Plastiktüte, in der sie ihr sämtliches Hab und Gut bei sich trug. Dann gab er sich nach einem kurzen Blick hinein zufrieden, ging weiter, ohne nach dem Pass zu fragen.